Chirurg Moser: "Österreichs Gesundheitssystem bietet eine Drei-Klassen-Medizin“

Veith Moser
Veith Moser über die Arbeitsmoral der Generation Z, immanenten Pflegemangel, warum Raucher und Extremsportler mehr Versicherung zahlen und Ärzte mehr verdienen sollen.

Veith Moser über die Folgen des Gratis-Stellenwerts der Medizin und mangelnde Eigenverantwortung der Patienten.

KURIER: Sie haben in Wien Medizin studiert, sich in Zürich spezialisiert und sind wieder nach Wien zurückgekehrt. Ist das österreichische System doch nicht so schlecht wie viele sagen?

Veith Moser: Zurückgekehrt bin ich vor 15 Jahren, nachdem ich vier Jahre als Oberarzt in Zürich tätig war. Man kann das Gesundheitssystem, das in der Schweiz geboten wird, nicht mit dem in Österreich in Zusammenhang bringen. Das Gesundheitssystem, das den Patienten derzeit in Österreich geboten wird, ist nicht eine Zwei-Klassen-Medizin, sondern eine Drei-Klassen-Medizin. Wenn man eine Zusatzversicherung hat, dann hat man es besser. Am besten hat man es, wenn man zusatzversichert ist und jemanden kennt.

Als Wahlarzt profitieren Sie von genau diesem System.

Ein System wie in Österreich gibt es kaum wo auf der Welt, es ist sehr speziell: Wir haben viele Spitalsärzte, die Teilzeit tätig sind und in Privatpraxen oder -spitälern ein ordentliches Gehalt verdienen. Wenn du in Deutschland oder der Schweiz als Spitalsarzt angestellt bist, bekommst du ein adäquates Gehalt und brauchst nicht nebenbei privat zu operieren.

Was verstehen Sie unter adäquates Gehalt?

Dass du zumindest nach zwölf oder 15 Jahren Ausbildung einen Nettomonatslohn von 8.000 bis 9.000 Euro hast bei einem Wochenpensum von 45 bis 50 Stunden. Das erachte für die Ausbildungszeit und die Verantwortung, die wir als Ärzte tragen, als adäquates Gehalt.

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Wo verdienen Ärzte so viel?

In Deutschland, der Schweiz, England, Norwegen oder Schweden. Es gibt viele Länder, in denen das Gehalt dramatisch hoch ist – da reden wir aber eher von 20.000 Euro netto im Monat für einen Spitalsarzt in meiner Altersliga, also 50 plus. In Österreich liegt der Nettodurchschnitt bei 6.000 Euro mit Nachtdiensten.

Wenn wir Ärzten dramatisch mehr zahlen, würde sich dieses hybride System ...

... sicherlich reduzieren. Natürlich kann man ein System, das über 50, 70 Jahre gewachsen ist, nicht sofort umdrehen. Aber gerade die junge Generation Z wird ein Thema damit haben. Sie will generell nicht mehr so intensiv arbeiten, sich gerne mit 35 Jahren karenzieren lassen und einen 30-Stunden-Job annehmen, weil die Life-Balance wichtig ist. Die junge Generation hat kein Auto, nicht mehr das Verlangen nach großen Reisen. Für uns war das Wichtigste mit 20, dass wir uns ein Auto kaufen oder reisen. Das kostet alles Geld. Diese Kosten, die hat die Generation Z nicht mehr, weil viele – nicht alle – die Möglichkeit haben, in einer Wohnung zu leben, die die Eltern bezahlt haben. Die Jungen brauchen nicht mehr so viel Geld zum Leben, weil die Fixkosten oft viel niedriger sind.

Spricht Veith Moser jetzt aus der Praxis? Von Turnusärzten?

Ich sehe das bei Turnusärzten und Assistenzärzten. Es gibt ganz wenige, die wirklich sehr interessiert sind, die da bleiben, auch wenn die Dienstzeit zu Ende ist. Aber der Großteil macht Dienst nach Vorschrift. Wenn um 14 Uhr die Arbeitszeit aus ist, dann sagen uns die jungen Kollegen um 10 vor 2 Uhr:„Herr Oberarzt, ich muss jetzt gehen“ – „Wohin gehen Sie?“ – „Ich habe Dienstschluss“ – „Soll ich auch gehen?“ – „Nein, Sie müssen die Operation fertigmachen.“ – „Aber Sie sind mein Assistent, helfen Sie mir.“ – „Nein ich habe Dienstschluss, ich muss gehen.“ – „Was machen Sie?“ – „Naja, ich habe um 15 Uhr einen Termin mit meiner Freundin zum Golf spielen.“ Was soll man da noch sagen? Das ist nicht ein Mal in drei Jahren so – das hören wir wöchentlich.

Haben Sie eine Idee, wie man die Wartezeiten für Patienten verkürzen kann?

Die Wartezeit bei Operationen ist nicht rein den Ärzten geschuldet. Ein viel größeres Thema ist der Mangel an Pflegenden. Wir können weder Patienten stationär aufnehmen noch im ambulanten Setting untersuchen oder Operationen durchführen, wenn es kein Pflegepersonal gibt. Der Mangel an Pflege ist immanent. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den letzten 10 Jahren unsere theoretische Bettenauslastung in den Spitälern fahren konnten, weil es immer einen Mangel an Pflegenden gab. Die Patienten müssen auch so lange warten, weil wir keine ordentliche Triage haben.

Welche Triage meinen Sie?

Was mache ich mit leichten Beschwerden? Es passiert uns laufend, dass zum Beispiel ein Patient, der seit zwei Monaten Unterarmschmerzen hat, am Wochenende in die Ambulanz kommt, weil das Wetter schlecht ist und er sich denkt: „Geh’ ich mal hin“. Im Unfallkrankenhaus wird er dann begutachtet, man macht Röntgenbilder und der Patient beschäftigt letztlich einen Arzt, einen Röntgenassistenten sowie Pflege- und Schreibkräfte für eineinhalb Stunden und geht dann nach Hause, weil der Fall nichts für ein Unfallkrankenhaus ist, sondern für den niedergelassenen Orthopäden.

Veith Moser im Milchbar-Podcast mit Christian Böhmer und Johanna Hager

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Ist der niederschwellige Zugang ins Spital das Problem?

Ich finde, jeder Patient ist selber für seine Gesundheit verantwortlich. Jeder Patient, der mit seiner Gesundheit Schindluder betreibt – sei es in Form von Rauchen, Alkohol, Übergewicht oder gefährlichen Sportarten – der muss dafür zahlen. Ich sehe nicht ein, dass jemand, der sich gesund ernährt, ein normales Gewicht hat, wenig Alkohol zu sich nimmt und nicht raucht, dasselbe bezahlen muss wie jemand, der zwei Schachteln Zigaretten am Tag raucht, fünf Bier trinkt und 40 Kilo Übergewicht hat. Wir Ärzte sind nicht dafür verantwortlich, dass die Patienten krank sind, sondern sie selbst. Und wer sich diesen Luxus oder diesen Spaß herausnimmt, all das zu „genießen“, der muss, finde ich, bezahlen.

Krankenhaus - Aufnahme

Das ist ein sehr disruptiver Vorstoß. Gibt es ein Land, in dem es derlei ansatzweise gibt?

Man hat das System in Österreich bei den Privatversicherungen bereits. Jemand, der ein höheres Risiko hat, der zahlt einfach mehr in die Privatversicherung ein. Das ist völlig normal und die Basis für die Einstufung. In der Schweiz ist es zum Beispiel komplett anders: Da ist man nicht pflichtversichert, sondern muss sich selbst versichern und kann Bausteine wählen. Du wählst den billigsten Baustein und bist nur in deinem Kanton versichert, darfst nur in gewisse Spitäler. Mit dem besten Baustein hast du die Möglichkeit, in jedes Spital in der ganzen Schweiz zu gehen – auch ins teuerste Universitätsspital.

Wer entscheidet, was ein gesunder Lebensstil ist?

Ich würde es taxieren beispielsweise am Verkauf der Flasche Bier. Die Flasche Bier, die verkauft wird, kostet nicht mehr – wie jetzt – zwei Euro, sondern 2,30 oder 2,40 Euro. Und die 40 Cent, die kommen ins Gesundheitssystem.

Und wie bemessen Sie das beim Sport?

Ich bin passionierter Tennisspieler. Ein Tennisracket kostet plus minus 200 Euro. Tennis ist ein Sport, bei dem man sich nicht so häufig wehtut, aber man hat immer wieder einen Tennis-Ellbogen. Fußballspielen ist schon was ganz anderes – da ist die häufigste Verletzung die Kreuzbandverletzung am Knie. Wir sprechen in Österreich von etwa 9.000 operativ versorgten Kreuzbändern im Jahr. Da reden wir aber nicht von denen, die konservativ behandelt werden, sondern jene die operiert werden und die durchschnittlich elf Wochen in Krankenstand sind. Was das volkswirtschaftlich bedeutet, das brauchen wir wohl nicht zu diskutieren. Man könnte ganz einfach über den erhöhten Preis eines jeden Sportgeräts einen Anteil an das Gesundheitssystem abführen. Das Tennisracket kostet dann nicht 200, sondern 220 Euro, der Fallschirm ebenfalls entsprechend mehr und dieses Mehr geht in die Unfallversicherung. Und es ist genauso viel Mehr, dass Sie weiterhin den Sport betreiben.

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