Österreichs Industrie drängt darauf, CO2 für Tausende Jahre zu vergraben
Die Industrie in Österreich ist nicht nur wegen der Energiepreise und hohen Lohnnebenkosten unter Druck, sondern zunehmend auch wegen der europäischen Klimaziele. Weil daran nicht nur Wertschöpfung, sondern vor allem viele Arbeitsplätze hängen, schrillen auch bei der Politik längst die Alarmglocken.
Die Betriebe drohen, ihre Werke zu schließen und ins Ausland abzuwandern, wenn es keine gangbaren Lösungen gibt. Diese Form des „carbon leakage“ will die Politik jedenfalls verhindern, da sie dem Klimaschutz nicht hilft und Arbeitsplätze kostet.
Eine bereits etablierte Technologie, die in Österreich verboten ist, gilt nun auf einmal als beste Option: Die Treibhausgase aus den Industrierauchfängen abzufiltern und in geologische Speicher tief unter der österreichischen Erde zu verpressen.
Die Ausgangslage ist klar: Auch für die Industrie gelten die EU-Klimaziele, wonach in den kommenden zwei Jahrzehnten nahezu keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden sollen. Diese Transformation – die „Dekarbonisierung“ – ist im Gang. Doch sie läuft langsam. Sorgen machen jene Industriezweige, die wie die Stahlindustrie als „hard to abate“ gelten, wo also die Transformation schwierig und teuer ist. Verständlich wird das bei Industriesektoren, wo prozessbedingt unvermeidbare „geogene“ Treibhausgase entstehen, etwa in der Zement- oder in der Feuerfestindustrie.
Die Industriebetriebe müssen für jede ausgestoßene Tonne CO2 Zertifikate im EU-Emissionshandelssystem zahlen, auch wenn noch ein Großteil dieser Zertifikate gratis zugeteilt wird. Aktuell kostet eine Tonne CO2 rund 88 Euro. Für einen Zementproduzenten wie etwa Holcim in Mannersdorf zeigt die Rechnung: 520.000 Tonnen Gesamtemissionen, 435.000 Tonnen werden gratis zugeteilt. Bleiben rund 85.000 Tonnen, die gekauft werden müssen. Kosten: 7,5 Millionen Euro.
„Die Gratiszuteilung dieser Zertifikate wird ab 2028 jedes Jahr geringer und soll 2034 auslaufen, die Kosten für die Betriebe werden also steigen“, sagt Dieter Drexel, Klimaexperte der Industriellenvereinigung. Immerhin: Die EU-Kommission prüft derzeit – auf Ansuchen von Österreichs Umweltminister Norbert Totschnig –, die Gratis-Zuteilung für die Industrie zu verlängern.
Carbon Capture Storage
Als nachhaltigere Lösung gilt da die Möglichkeit, die Treibhausgase abzufiltern und in ausgeschöpfte Erdgasspeicher zu verpressen. Das verhindert – noch – die rechtliche Lage, da es seit 2011 ein Gesetz gibt, dass das Verpressen von CO2 verbietet. Dieses Verbot wird wohl noch heuer fallen – so steht es im Koalitionsabkommen und in der soeben beschlossenen Industriestrategie.
Aber geht dieses Verpressen überhaupt in Österreich?
Der Forscher David Misch, er ist Professor für Energy Geosciences an der Montanuni Leoben, erklärt: „Das Potenzial ist auch in Österreich vorhanden und wird auf mehrere Hundert Millionen Tonnen geschätzt. Möglich wäre das etwa in den ausgeförderten Öl- und Gaslagerstätten im Wiener Becken, auch in Oberösterreich sind solche Lagerstätten vorhanden.“ Diese Speicher wären auch bei seismischen Aktivitäten sicher, es würde kein Gas entweichen. „Laut EU-Direktive darf so ein Speicher in tausend Jahren höchstens ein Prozent der gespeicherten Menge verlieren“, erklärt der Experte.
Hohe Kosten
Was kostet dieses CO2-Abfiltern und Verpressen pro Tonne? „Noch sind wir viel zu teuer, das Abfangen, Transportieren und Verpressen von CO2 kommt derzeit auf etwa 300 Euro pro Tonne. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Preis noch auf 150 Euro runtergeht.“
Das nächste Problem ist ein logistisches, erklärt IV-Experte Drexel: Selbst bei kleinen Anlagen wie dem erwähnten Zementwerk in Mannersdorf ist offensichtlich, dass die anfallenden 500.000 Tonnen CO2 pro Jahr auch nicht mit 40-Tonnen-Lkws abtransportiert werden können.
Also muss ein eigenes CO2-Rohrleitungssystem – also Pipelines – errichtet werden. Auch das gibt es derzeit nur am Papier. Wobei Drexel erklärt: „Die Idee ist nicht, die Industrieemissionen auf Jahrzehnte in den österreichischen Untergrund zu bringen. Ziel ist ein europäisches Netz, um diese Emissionen insbesondere in die großen Offshore-Lagerstätten in der Nordsee oder in der Adria zu bringen. Doch das steht unter enormen Zeitdruck, die Gratiszertifikate laufen sicher schneller aus, als so ein europäisches Netz in Betrieb geht. Deswegen wäre es so wichtig, dass wir das in Österreich ermöglichen.“
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