Politik | Inland
04.08.2018

Cannabis: Experte relativiert schmerzlindernde Wirkung

Der Chef des Obersten Sanitätsrates warnt vor einer Freigabe, sieht aber Alkohol und Tabak als größeres Drogenproblem.

Das Parlament hat Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein beauftragt, die medizinische Zulassung von Hanf zu prüfen. Sie beauftragte den Obersten Sanitätsrat. Deren Vorsitzender, der Rektor der MedUni Wien, Internist und klinische Pharmakologe Markus Müller, erklärt im KURIER-Interview das Cannabis-Problem.

KURIER: Sollte jeder Zugang zu Cannabis bekommen?

Markus Müller: Das wäre aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Weil es keine wissenschaftlichen Studien gibt, die belegen, dass Cannabinoide Vorteile gegenüber anderen, besser untersuchten Schmerzmitteln haben. Die Frage, die sich für uns daher stellt, ist: Welchen Stellenwert hat Cannabis in der Schmerztherapie? Grundsätzlich gibt es starke und schwache Schmerzmittel, Cannabinoide sind jedenfalls schwach wirksam. Dazu kommt, dass die in Österreich zugelassenen Cannabinoid-Schmerzmittel sehr teuer sind und die Verschreibungsmöglichkeiten aufgrund alternativer und besser profilierter Schmerzmittel eher restriktiv sind. Andere Länder sind da weitaus liberaler. Und genau das ist der Spannungsbogen, den wir uns im Obersten Sanitätsrat anschauen werden.

Es gibt jetzt schon Cannabis als Medikament in Österreich?

In Österreich sind mehr als 10.000 Arzneimittel-Spezialitäten zugelassen. Cannabinoide sind eine davon. Man kann diese in Apotheken auf Rezept beziehen, sie sind aber recht teuer. Bei Patienten mit Multipler Sklerose verbessern Cannabinoide die Spastik, sie entkrampfen. Und bei Krebspatienten steigern sie den Appetit und zeigen auch eine schmerzlindernde Wirkung.

Also ist es schmerzlindernd?

Ja, es scheint besser zu sein als ein Placebo – die Frage ist, wie stark

die Wirkung gegenüber anderen Schmerzmitteln ist. Die Sorge ist, dass Cannabis als Ersatz für viel wirksamere Medikamente eingesetzt wird, etwa Opiate. In der Schmerztherapie gibt es einen Stufenplan, von sehr leichten bis sehr starken Mitteln. Und die Rolle des Cannabis ist aus meiner Sicht hochgradig unklar, weil es nur eine durchwachsene Studienlandschaft gibt. Eine rezente Studie im Fachblatt Lancet mit

1500 Patienten zum Schmerzeffekt von Cannabis kommt zum Schluss, dass es keine überzeugende Evidenzlage für eine relevante Wirkung gibt.

Also dürfen die Millionen Cannabis-Konsumenten in Österreich nicht auf eine Freigabe hoffen?

Bei der Aufgabenstellung des Obersten Sanitätsrats geht es nicht um Legalisierung von THC, sondern um medizinische Indikationen. Das andere ist eine politische und letztlich auch kulturelle Frage.

Was denken Sie?

Es gibt hier Pro- und Kontra-Argumente. Ich würde eher vor einer Freigabe warnen. Wobei die schlimms-

te Droge bei uns Alkohol ist. Wir haben rund 700.000 Patienten mit chronischen Alkoholproblemen, das ist ein gravierenderes Gesundheits- und Suchtproblem. Dann der Tabak, auch das ist ein schweres Suchtgift. Beide werden bei uns toleriert.

Warum warnen Sie vor Cannabis?

Cannabis ist kein starkes Suchtmittel wie Heroin oder auch Alkohol, die viel stärker gesundheitsgefährdend sind. Ich sehe bei Cannabis eine Gefahr speziell für Personen, die eine Prädisposition zu psychiatrischen Störungen haben wie etwa Schizophrenie. Cannabis kann da ein Auslöser für Wahnvorstellungen sein.