Wie Christian Stocker für "Orientierung" sorgen will
Erinnern Sie sich noch, als Sebastian Kurz die Stadthalle füllte? Perfekt choreografiert, jubelnde Parteisoldaten, eingespielte Videos, bei denen jeder Handgriff saß? 2026 heißt der ÖVP-Chef und Bundeskanzler Christian Stocker.
Der Wiener Neustädter hält seine Rede zum Neujahrsauftakt der Volkspartei im Wiener Flächenbezirk Donaustadt. In der METAStadt, einem ehemaligen Industriehof direkt neben Bahnhofsgleisen, der ebenso viel Charme versprüht wie der nebelige Jännertag.
Man kann es als Ausdruck von Bescheidenheit werten, dass Stocker hier eine Grundsatzrede hält, um die ÖVP vom Koalitionspartner SPÖ und Herbert Kickl abzugrenzen. Oder als Ergebnis dessen, dass seine Partei hoch verschuldet ist.
Strukturiert, monoton, authentisch
Die Stimmung unter den rund 250 Funktionären ist nicht schlecht, aber auch nicht euphorisch. Handwerklich gelingt nicht alles. Der Videoeinspieler vor der Rede wird zuerst ohne Tonspur abgespielt – aufmunterndes Klatschen. Auch beim zweiten Versuch vermag das Video zu irritieren. Österreich-Fahnen, Putin, Stocker: Eine bundesdeutsche Stimme, die verdächtig KI-generiert klingt, spricht von einer nötigen Wende, bevor „andere über uns entscheiden“.
Dann spricht Stocker. Und ab jetzt sitzt das Handwerk. „Es hat sich gezeigt, nicht nur eine Regierung braucht manchmal einen zweiten Anlauf“, sorgt er für Gelächter. Der Kanzler redet strukturiert, staatstragend, monoton, eben wie ein Jurist – wirkt dabei aber authentisch. Es sei auch darum gegangen, der Öffentlichkeit seine Persönlichkeit zu zeigen, meint später ein Parteistratege. Das gelingt. Auch weil Stocker persönliches, wie die Lebensgeschichte seines Großvaters, teilt. Und die politischen Inhalte?
Zwei Vorstöße, nicht abgesprochen
Stocker überrascht mit zwei Vorstößen: Wie schon 2013, als Rot-Schwarz die Bevölkerung über eine Abschaffung der Wehrpflicht befragte, will Stocker eine Volksbefragung über die Verlängerung des Wehr- und Zivildienstes durchführen. „Selbstverständlich ist klar, dass das Ergebnis dieser Befragung für die politischen Parteien und für die Regierung bindend ist.“ Mit SPÖ und Neos war das nicht abgestimmt. Die Grünen begrüßen den Vorschlag, die FPÖ ist skeptisch.
Zweitens: Stocker will, dass Asylwerber in Österreich nur noch die Basisversorgung erhalten, keinen „vollen Zugriff auf alle Gesundheitsleistungen“. An dieser Stelle erhält er den wohl lautesten Applaus – und postwendend eine Absage von Vizekanzler Andreas Babler.
Österreich als „Gewinner“
Apropos Babler: Der SPÖ-Chef wird am 7. März zu den Delegierten sprechen und sich als Parteichef bestätigen lassen. Wohl ohne Gegenkandidaten – obgleich eine exklusive Gruppe im Hintergrund immer wieder Ex-Kanzler Christian Kern ins Spiel bringt. Während Stocker in seiner Rede Vermögen- und Erbschaftssteuern eine klare Absage erteilt, glaubt man im Kanzleramt, dass Babler bei seinem Vortrag Gegenteiliges fordern wird.
Im Übrigen war es das auch wieder mit Stockers innenpolitischen Pflöcken, Attacken lässt er aus. Stattdessen liegt sein Fokus auf Österreichs Rolle in der Welt- und Wirtschaftspolitik. Kriege, autoritäre Tendenzen, eine neue Weltordnung: Wie kann man dafür sorgen, dass Österreich künftig zu den „Gewinnern“ zählt? Stocker identifiziert Indien, China oder die Vereinigten Arabischen Emirate als neue Handelspartner. Auch ein europäischer Kapitalmarkt sei endlich nötig, um das Abwandern von Start-ups Richtung USA zu stoppen.
Dass es in der Rede eines ÖVP-Chefs „vor allem um Wirtschaftspolitik“, nicht nur um „Migranten“ gegangen sei, kommt bei vielen Funktionären gut an. „Der politische Neujahrsauftakt steht ganz im Zeichen der Standortpolitik“, analysiert Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer.
Stocker meint abschließend, er wolle, dass Österreichs junge Köpfe in Wohlstand und Sicherheit aufwachsen können. Stichwort „Kopf“: Dass Stocker aufgrund seines Erscheinungsbildes bereits mit Winston Churchill oder Buddha vergleichen wurde, nimmt er mit Humor. Churchill habe der Bevölkerung „Blut, Schweiß und Tränen“ verordnet, Stocker stehe für „Mut, Fleiß und Taten“.
Letztlich hat der 65-Jährige eine Wahlkampfrede inmitten der Legislaturperiode gehalten. Eventuell, um einer ÖVP im Umfragetief, in einem Veranstaltungsort in Wiens Nirwana, Orientierung zu geben.
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