Oberster Heeres-Psychologe: „Beim Lesen und Schreiben sinkt das Niveau“

Brigadier Christian Langer untersucht Jahr für Jahr Zehntausende junge Österreicher. Wie geht's ihnen - und wie geht's der Gesellschaft?
46-160321460

Der oberste Heerespsychologe, Brigadier Christian Langer, über die Frage, wie gut wir als Gesellschaft für Krisen gerüstet, wie fit die jungen Österreicher sind - und wo er „Verwahrlosungstendenzen“ sieht:

KURIER: Herr Brigadier, in der Pandemie haben Sie gesagt, Sie hoffen, die Gesellschaft lernt aus der Krise. Wir erleben eine Reihe sich überlagernder Krisen. Die Energie-Krise, der Nahe Osten, der Ukraine-Krieg. Kann man da noch etwas lernen – oder überfordert uns das einfach nur?

46-224362501

Christian Langer: Am meisten und am nachhaltigsten lernen wir durch das Erfahrungs- und Erlebnislernen. Wir können über Vieles nachdenken und reden: Am Ende haben wir durch die medial gelieferten Bilder eine Vorstellung, aber keinen unmittelbaren emotionalen Bezug. Wir sehen das am Ukraine-Krieg: Der ist nur ein paar hundert Kilometer entfernt, und dennoch haben wir mittlerweile eine Distanz-Haltung – er betrifft uns gedanklich derzeit weniger. Er wird gedanklich bedeutender, wenn es um unsere Energiekosten geht, wenn Milliardenkredite öffentlich werden und wir das nächste Sparpaket schnüren müssen. Dann bekommt es eine andere Aufmerksamkeit und eine emotionale Unmittelbarkeit. Der Nahost-Krise tut das momentan etwas unmittelbarer. Wir erleben sie, wenn wir an den Tankstellen halten, wenn wir deutlich mehr Ausgaben haben, wenn von Treibstoff-Knappheit berichtet wird und damit das tägliche Leben jedes Einzelnen beeinflusst wird. Lernen mit Nachhaltigkeit und mit einer damit einhergehenden Verhaltensänderung können wir nur, wenn wir an eine emotionale Bedeutung anknüpfen - und das ist am eindringlichsten mit eigenen Erfahrungen.

Das heißt, ich kann mich auf Krisen wie Blackouts nur gut vorbereiten, wenn ich sie schon mal erlebt habe?

Sagen wir so: Ich kann Ihnen erzählen, dass das Trinkwasser in Ihrem Hochhaus nur bis zum vierten Stock reicht, wenn Strom und Pumpen ausfallen. Aber wenn Sie das einmal erlebt haben, verändert das Ihr Verhalten nachhaltig - etwa, indem Sie Vorräte anlegen. In gewisser Hinsicht ist das normal. Wir sind als Menschen trainiert, im persönlichen Normal-Modus zu funktionieren und indem wir einen persönlichen Normalitätsrahmen festlegen. 

Im Bundesheer hört man bisweilen, die Erwartungshaltung der Bevölkerung sei zu groß. Kurz gesagt würden die Menschen glauben, dass ihnen der Staat in der Krise Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente vor die Haustür stellt. Ist das so?

In unserer modernen Gesellschaft wird vieles delegiert – auch die Verantwortung. Tatsächlich gibt es so etwas wie eine Gesellschaftsverwahrlosung, die darin besteht, dass man es als Einzelner gern der Stadt, dem Land oder der Gemeinde überlässt, sich um die Vorsorge zu kümmern. Hier fehlt die offene Kommunikation mit der Bevölkerung. Fragen wie „Was tut der Staat, was tust Du als Individuum – und was leistet deine Kommune“ müssten intensiver und vor allem vorab besprochen werden. In der Krise ist es zu spät.

Haben Sie als Experte das Gefühl, dass wir als Gesellschaft resilienter geworden sind? 

Covid hat gezeigt, dass Zusammenhalt, Nachbarschaft, Selbstorganisation und Miteinander in der Krise weitgehend funktionieren. In den kleinen Entitäten (Gemeinden, Nachbarschaft, etc.) ist da viel Gutes passiert. Gleichzeitig stimmt, dass die einander überlappenden Krisen den Menschen die Zeit zum Verschnaufen nehmen. Jeder, der sich ein wenig mit Belastung im Sport oder in der Psychologie beschäftigt, weiß: Wenn auf hohe Anspannungen nicht irgendwann Entspannung folgt, braucht es nicht viel, und man fällt in eine Überlastung bzw. Überforderung.

Was meinen Sie?

Ich bin ja auch Psychotherapeut und sehe in meiner Praxis, dass die Anzahl der multiplen persönlichen Belastungen deutlich zunimmt. Es bleibt nicht bei Schwierigkeiten in der Familie oder im Job, da kommen meist viele andere Aspekte hinzu und führen damit zu einer Kumulierung der Belastungsaspekte. Die Menschen drehen sich im alltäglichen Themenkreis wie Familie, Job, Kinder, Beziehung, Finanzen und erleben eine gedanklich und emotional aufschaukelnde Situation.

Ist das einfach ein Zeichen der Zeit. Also dass die Menschen mit KI, Social Media und dem Leistungsdruck überfordert sind?

Was sicher stimmt: Die unglaubliche Fülle und Diversität an Informationen, die auf die Menschen einprasseln, führen zu einer massiven Überforderung. Das Angebot ist üppig und überladen, viele meiner Klienten sagen, sie konsumieren kaum noch Medien, weil sie die Krisenberichte überfordern. Es ist aus meinem Erleben heraus sicherlich so, dass das Umfeld mit den vielen Informationen wesentlich komplexer geworden ist, und wir Menschen neigen insbesondere in Krisen zu einer Komplexitätsreduktion, um den Alltag lebbarer zu machen. Diese Reduktion gelingt uns vielfach nicht mehr.

Sie haben die Stellung und die angehenden Grundwehrdiener angesprochen. Wie steht’s eigentlich um Resilienz und Wehrwillen der jungen Österreicher? 

Wir machen im Bundesheer Befragungen und Studien zu dem Thema, und entscheidend ist für mich die Fragestellung: Wen oder was bist Du bereit zu verteidigen? Gebäude, eine abstrakte Idee z.B. von Patriotismus oder die Republik spielen eine völlig andere Rolle als etwa die eigene Familie oder der eigene Grund und Boden. Für uns im Militär ist das nicht überraschend. Ein Soldat kämpft zunächst auch für seine Kameraden oder den Gruppenkommandanten - und nicht für die Offiziere im Generalstab. Wenn wir vom Wehrwillen sprechen, müssen wir die Dinge herunterbrechen: Sind die Menschen bereit, ihre Familien, ihre Häuser und die Gesellschaft, in der sie leben, zu verteidigen? Hier gilt es, eine Anknüpfungsfähigkeit an den Bedürfnissen der Personen und damit einen gemeinsamen Nenner mit der Bevölkerung zu erreichen, wenn es um den Wehrwillen und die Wehrbereitschaft geht. Die persönliche Bedeutung und das gemeinsame Narrativ ist ausschlaggebend.

Das heißt, würde man die Menschen fragen, ob sie bereit sind, ihre Familien mit der Waffe zu verteidigen, wäre die Bereitschaft höher als die derzeit rund 30 Prozent?

Sehr wahrscheinlich ja, wobei wir hier wieder beim Vorstellen sind. Wir können uns nur bedingt vorstellen, was es heißt, etwas nicht mehr zu haben. Es macht z.B. einen Unterschied zu fragen, ob ich bereit bin, mein Vaterland zu verteidigen oder mein eigenes Land und Haus. Zweiteres ist wesentlich besser vorzustellen und hat einen emotionalen Bezug. Es ist einfach ein großer Unterschied, ob man selbst erfahren hat, wie sich eine Diktatur anfühlt oder ob man zu jemandem sagt: Stell dir vor, du dürftest deine Meinung nicht mehr offen sagen. 

Kommen wir noch einmal zur größten globalen Krise der jüngeren Vergangenheit, der Pandemie. Am 1. Juli 2023 waren alle Covid-Maßnahmen abgesagt, die Kränkung darüber hält in weiten Teilen der Bevölkerung an. Warum?

Als Therapeut frage ich immer: Was ist der Sinn und die Nützlichkeit einer nachhaltigen Kritik? In der Regel geht es darum zu sagen: Das ist schiefgelaufen - und so mache ich es anders und hoffentlich besser. Im Zentrum steht wieder der emotionale Bezug zum Erlebnis. Bedeutend ist das Narrativ in der Bevölkerung und hier scheinen Aspekte wie Sicherheit, Kontrolle, Vertrauen, Klarheit, Transparenz etc. in den Staat nachhaltig beeinträchtigt worden zu sein. Ich habe persönlich nur sehr wenig darüber gehört, wie sehr die Bevölkerung in der Krisenbewältigung mitgewachsen ist durch Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Berichtet wird in meiner Wahrnehmung vielfach über die Defizite, die Schäden, die Beeinträchtigungen, die Erkrankungen, welche alle nicht vergessen werden sollten im Sinne eines Verbesserungsprozesses. Bei Covid ist objektiv gesehen viel schiefgelaufen, es wäre darum gegangen zu sagen: Wir haben unsere Lektionen gelernt – und Manches oder sogar Vieles machen wir anders und besser. Das wäre ein positives Zeichen einer konstruktiven Fehlerkultur – gerade im Zeichen dieser Jahrhundertkrise. In diese Richtung ist zu wenig passiert. Bis heute gibt es keine einschlägigen Katastrophen-Übungen oder Dinge, an denen die Menschen erfahren könnten: Wenn’s wieder passiert, dann sind wir vorbereitet. So gesehen stehen wir immer noch auf dem Stand von 2022 oder 2023. 

Der diesbezügliche Bericht der Akademie der Wissenschaften war zu wenig?

Ich glaube insgesamt ja.

Sie haben im Jahr zwischen 40.000 und 50.000 junge Männer bei der Stellungsuntersuchung. Wie geht„s denen eigentlich?

Von der Zahl der Untauglichen hat sich nicht viel verändert, wobei mittlerweile schon die Hälfte der Untauglichen auf psychische Ursachen zurückzuführen ist. Was sich stark verändert hat, ist, dass die Belastungen offensichtlich markant gestiegen sind. Sind die jungen Männer früher vermehrt durch eine einzige psychische Einschränkung wie z.B. durch eine Angsterkrankung untauglich geworden, hat mittlerweile die Anzahl der sogenannten Mehrfachminderungen, also das Vorliegen von gleichzeitig mehreren psychischen Einschränkungen, signifikant zugenommen. Das deckt sich auch mit der internationalen wissenschaftlichen Literatur. Die sieht diesen Trend ebenso. 

Wie kann man das erklären? 

Da kommen mehrere Dinge zusammen. Die Belastungen wie Schule, Arbeitsplatz, Peer-Group etc. wurden mehr, die Familien sind unter Druck. Ich sehe das auch an meinen Klienten: Die Eltern sind mit der Mehrfachbelastung Job, Haushalt, Familie, Schule und Erziehung überfordert, und wo früher Großfamilien ausgeholfen haben, ist man nun zunehmend alleinerziehend und sozial gefährdet. 

Aber wir haben doch ein sehr fein ziseliertes Sozial- und Gesundheitssystem...

Das Problem besteht darin, dass wir bei der Gesundheit immer noch stark auf ein Reparatur-System setzen. Das bedeutet: Erst wenn grobe Auffälligkeiten da sind, bekommt man den Zugang zum Gesundheitssystem. Der präventive Ansatz ist wenig vorhanden. Unser System ist darauf ausgerichtet, bis zu dem Punkt zu warten, bis eine Erkrankung auftritt – um dann zu behandeln. Für die vielen Auffälligkeiten haben die bestehenden Einrichtungen aber zu wenig Personal. Sie können nicht allen helfen, die Hilfe benötigen. 

Aber ist es so, dass die Menschen belasteter sind? Vielleicht werden jetzt Dinge diagnostiziert, die vor 20, 30 Jahren nie Thema waren.

Beim Blick auf die psychischen Einschränkungen gelten grundsätzlich die gleichen Kriterien, wie wir sie mit der gültigen internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen seit mehr als 25 Jahren haben. Natürlich werden wir Diagnostiker zunehmend sensibler und haben vermehrt einen systemischen Blick. Was allerdings zutrifft, ist, dass die Gesellschaft insgesamt viel mehr auf Defizite und weniger auf Stärken achtet. Junge Menschen mit ADHS zum Beispiel können sehr viele Dinge, wenn wir mit dem Ressourcenblick darauf achten. Mein Eindruck ist, dass sich die “Norm„, was wir als akzeptabel finden, verengt hat, dass man schneller außerhalb der Norm ist. Um beim Beispiel zu bleiben: Früher hat man ein Kind mit ADHS nicht so oft diagnostiziert, sondern versucht, es “mitzunehmen„ und das Verhalten als auffällig, aber nicht als pathologisch zu etikettieren. Vielfach ist eine Diagnose auch eine hilfreiche Erklärung für die Eltern und macht den Zugang frei für Förderungen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Effekte der Sozialen Medien und deren Effekte bei den Stellungspflichtigen spür- und sichtbar sind?

Ja. Bei den prinzipiellen Kulturtechniken des Lesens und Schreibens sinkt das Niveau bzw. steigen die Auffälligkeiten. Im Sprachlichen sind die Defizite damit erklärbar, dass sich ja auch unsere gesamte Kommunikation ändert. Handys, Social Media, die Emojis: Natürlich verändert all das auch das sprachliche Niveau. Im Gegenzug belegen Untersuchungen der Universität Wien, dass bei digitalen Kompetenzen und logischem Denken die Leistungen steigen. Es gibt, wenn man so will, eine gewisse Spezialisierung.

Kommentare