Politik | Inland 20.05.2018

Brandstätter vs. Brandstetter "Kauf dir einen gescheiten Anzug"

© Bild: k&s verlag

Buch-Vorabdruck. Zwei Leben, zwei Karrieren – ein freundschaftlicher Schlagabtausch. Mit einem Vorwort von Heinz Fischer.

„Wie kann man bei persönlicher Nähe sachlich bleiben?“

Helmut Brandstätter

Helmut Brandstätter: Als Berufspolitiker ist ja wahrscheinlich die große Gefahr, dass man, wie in anderen Karrieren auch, den nächsten Schritt machen möchte. Aber es kann nicht jeder Bundeskanzler werden. Interessant ist, dass wir jetzt einen Bundeskanzler haben, der ein reiner Berufspolitiker ist, der aber ausschließlich Leute gesucht hat, die nicht Berufspolitiker sind. Wenn man bösartig wäre, könnte man ihm unterstellen, dass er vielleicht niemanden ranlassen wollte, der diese Kenntnisse und Fähigkeiten hat, die er sich erworben hat, und ihm somit niemand politisch gefährlich werden kann.

Wolfgang Brandstetter: Ich kann nur sagen, was Sebastian Kurz geschafft hat, ist ein historisches Verdienst. Er hat es geschafft, die politischen Verhältnisse in Österreich komplett zu drehen. Man möge sich bitte daran erinnern, wie die Umfragen vor zwei Jahren waren. Da war Heinz-Christian Strache nahezu uneinholbar vorne. Das hat Sebastian Kurz umgedreht. Und dabei habe ich ihm, besonders als Vizekanzler,gern geholfen.

Das klingt jetzt fast nach Propaganda. Nein, nein, das sind nur Fakten, an die man sich erinnern sollte.

Mein Punkt war ein anderer. Warum nimmt sich er, der reine Berufspolitiker, ausschließlich Leute, die keine politische Erfahrung haben?

Naja, einige haben schon politische Erfahrung. Aber ich glaube, letztlich ist auch hier der entscheidende Faktor das persönliche Vertrauen. Er braucht jetzt die Leute, denen er hundertprozentig vertrauen kann.

Und er vertraut anderen Berufspolitikern nicht?

Das ist sicherlich auch die Erfahrung, die ihn geprägt hat im Bereich der Parteipolitik. Da kommen wir wieder zurück zu deinem Spruch „Parteifreund – Todfeind“.

Noch einmal zu den Journalisten. Jeder gute Strafverteidiger kennt mehr Journalisten als Politiker.

Der Umgang mit Journalisten war mir nicht neu.

Man kann es machen wie Manfred Ainedter, man muss aber nicht. Man muss als Strafverteidiger nicht in den Seitenblicken sein.

Das war ich auch als Strafverteidiger nie, als Politiker schon.

Hilft das einem Strafverteidiger?

Beim Umgang mit Journalisten hilft es natürlich.

Du bist ja fast ein Gegenstück zu Manfred Ainedter, was das öffentliche Auftreten betrifft. Er hat großen Wert darauf gelegt, sehr bekannt zu sein, du hast großen Wert darauf gelegt, im Hintergrund zu arbeiten, bescheiden aufzutreten. Bei unserem oben beschriebenen Telefonat über deine mögliche Ministerschaft habe ich unhöflich, aber sehr freundschaftlich gesagt: Kauf dir bitte einen gescheiten Anzug. So bescheiden, wie du als Professor herumläufst, kannst du ja nicht zur Angelobung gehen. Und du hast gesagt, ich habe keine Zeit. Aber offenbar hast du dann doch mal ordentliche Anzüge gekauft.

Ich habe dann kurzfristig Anzüge gebraucht, hab’ einen meiner Pendlerfreunde, der leider kürzlich verstorben ist, angerufen, der hat beim „Teller“ gearbeitet auf der Landstraße, und ich habe zu ihm gesagt, dass ich dringend einen Anzug brauche, und zwar sofort. Er hat gesagt, komm’ zu mir, ich bereite alles vor. Ich fuhr auf die Landstraße, mein Freund hat mich in einer Stunde eingekleidet, es war ein Spitzenservice, so gesehen hat mir die Pendlerfreundschaft enorm geholfen. Unmittelbar darauf konnte ich mich dem Bundesvorstand der ÖVP, wo mich ja niemand kannte, in einem perfekten Anzug präsentieren. Als ich dort erwähnte, Niederösterreicher zu sein, brach schallendes Gelächter aus. Auf meine Frage nach dem Grund meinte ein Tiroler in unverkennbarem Tirolerisch: „Dos is, wei ma grod drüber g’redt hom, dass gor viel Niederösterreicher in der Regierung sein.“ Erwin Pröll, den ich natürlich kannte, hat sich darüber köstlich amüsiert.

Das war also sozusagen der Angelobungsanzug. Da sind wir schon beim Punkt, denn eigentlich war das ein Übergriff von mir. Freundschaftlich kann man raten, kauf dir einen Anzug. Als Journalist einem Politiker zu sagen, „Sie sollten sich einen gescheiten Anzug kaufen“, geht überhaupt nicht, würde ich sagen. Und zu einer Frau kann ich schon gar nicht sagen, „Ziehen Sie sich anständig an, wenn Sie zu einer Angelobung gehen“. Das führt mich zu einem wichtigen Punkt: Nehmen wir an, ein Journalist und ein Politiker kennen einander gut. Oder ein Journalist ist befreundet mit jemandem, und diese Person wird nachher Politiker. Was sollen die machen, können die dann noch normal weiter miteinander reden?

Hoffentlich, wir können es ja auch.

Wir haben nie ein Interview miteinander gemacht, das war mir von Anfang an klar. Ich habe mir gesagt, ich traue mir das nicht zu, ich würde den Killerinstinkt verlieren und dann vielleicht eine unangenehme, aber dringend notwendige Frage nicht stellen.

Oh, ich habe das immer so verstanden, dass ich hierarchisch nicht hoch genug war. Interviews, die der Chefredakteur macht, die macht er ja nur mit dem Bundeskanzler. Ich hingegen habe als ÖH-Chefredakteur den ÖH-Boss Brandstätter interviewt.

Obwohl wir nie gemeinsam auf Urlaub waren, aber ich wollte nie eine Tarek-Leitner-Kern-Diskussion, so nach dem Motto: Die kennen sich schon lange, wie können die gemeinsam ein Interview machen?

Der KURIER hat mich in einigen Themenbereichen wirklich nicht geschont, von Kittner über Peyerl bis Pammesberger.

Na Gott sei Dank!

Ich will mich ja eh nicht beklagen, aber es ist so.

Jetzt sind wir beim Punkt der Nähe. Die Leute studieren miteinander, mögen einander oder streiten, wenn sie in einer Studentengruppe sind. In der Wiener SPÖ sind sie auch noch verheiratet, eine Zeit lang jedenfalls. Wie kann man bei persönlicher Nähe sachlich bleiben, in der Politik oder im Verhältnis Journalisten – Politiker?

Ich glaube schon, dass das geht. Man muss sich ein bisschen disziplinieren. In unserem Fall kommt hinzu, dass wir uns kennengelernt haben, als wir beide im weiteren Sinne politisch tätig waren. Und wenn du dich erinnerst, die Mechanismen, die wir damals erlebt haben, die waren den heutigen nicht so unähnlich. Wir haben begonnen als ÖSU, dann gab es interne Streitigkeiten, das Problem, dass die ÖSU an Ansehen verloren hat, endlose Querelen usw. Dazu habe ich dich in dem Interview im „Juristl“ ja auch hart befragt, aber wahrscheinlich nicht hart genug.

Weil du gerade das Interview mit mir erwähnt hast, dazu muss man Folgendes sagen: Wir waren beide Mitte der 1970er-Jahre bei der ÖSU (Österreichische Studenten-Union, Anm.) aktiv. Wir Wiener ÖSUler haben damals darauf gedrängt, dass die Salzburger und die Linzer ÖSU mit Ernst Strasser und Willi Molterer ausgeschlossen werden, weil wir der Meinung waren, das sind Linksabweichler, die das Bundesheer abschaffen wollten und Ähnliches, und uns das in Wien geschadet hätte.

Der einfache Student hat das für ein Kasperltheater gehalten und das Vertrauen in die ÖSU verloren, also haben wir sie umbenannt. Plötzlich hieß es Studentenforum, mit Schwerpunkt auf Studentenservice.

Ich habe später beweisen müssen, dass ich Journalist kann, weil Politik habe ich an der Uni schon gemacht. Du hast später beweisen müssen, dass du Politiker kannst, denn Journalist warst du vorher, bei uns in der Hochschülerschaft als Pressesprecher.

So ist es. Aber auch damals hat sich ein wichtiges Phänomen gezeigt: Es hat immer irrsinnig viel Spaß gemacht, wir hatten unglaublich viel Freude an der Arbeit. Und das habe ich auch in der Funktion als Minister gehabt, das hast du jetzt als Chefredakteur. Das ist das Wesentliche. Wenn man sich heute anschaut, wie manche an ihren Job herangehen, wie griesgrämig und wie verdrossen sie sich durch den Tag schleppen, dann sollten sie es besser aufgeben, das bringt nichts. Das ist auch das Geheimnis des Erfolgs,dass man wirklich mit Freude dabei ist. Und wenn man die Freude nicht mehr empfindet, dann soll man aufhören.

Aus unseren Gesprächen ergibt sich doch, dass wir mit unserem Geburtsdatum und dem Ort der Geburt unglaubliches Glück hatten. Immer Frieden, wachsender Wohlstand, immer mehr Freiheit, ein Europa, das sich geöffnet hat, die vielen Möglichkeiten zu gestalten. Und wir haben das genutzt. Heute gibt es zum Teil noch mehr Möglichkeiten, was Studium oder Jobs betrifft. Manches ist aber auch schwieriger geworden. Vor allem aber finde ich Österreich nicht den idealen Standort für junge Leute. Ich finde ja die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wichtig, aber bei uns muss noch über Nazi-Liederbücher und Hitler-Bilder gesprochen werden. Das ist trist. Auch die Politik sorgt nicht für eine Aufbruchstimmung, da wird immer mehr Marketing ohne Inhalt gemacht. Und die Freiheit, die wir geschenkt bekommen haben, wird entweder als selbstverständlich oder als unnötig empfunden. Beides ist falsch. Das alles soll nicht negativ klingen, sondern eher als Aufruf an alle jungen Leute, selbst aktiv zu werden, Pläne umzusetzen, auch eine Zeit ins Ausland zu gehen. Die Möglichkeiten sind vielfältig, jede und jeder muss sie für sich nutzen. Und das führt mich nochmals nach Europa. Wir hatten alle Chancen, heute gibt es diese bedrückende Jugendarbeitslosigkeit, vor allem im Süden, auch bei gut Ausgebildeten. Wir brauchen europäische Projekte, die beweisen, dass wir gemeinsam stärker und besser sind als die Nationalstaaten. Der neue Nationalismus, der ja absurderweise auch bei uns einzieht, wo wir so immens von der EU profitieren, zerstört alles. Ich hoffe auf die Jugend, dass sie die Gefahren sieht und die ungeheuren Chancen nutzt. Und wir Alten, nein, wir Erfahrenen, müssen sie unterstützen. Das muss ein gemeinsames Projekt von Jungen und Alten werden. Wir beide sind jedenfalls dabei.

Alle Erlöse der Autoren gehen an die „Aktion Lernhaus“.

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( kurier.at ) Erstellt am 20.05.2018