Kickl, Babler und Co.: Warum am Aschermittwoch fast alles erlaubt ist
Was hat eine Legebatterie mit der österreichischen Bundesregierung zu tun?
Ziemlich genau vor einem Jahr gab FPÖ-Chef Herbert Kickl in der Jahnturnhalle zu Ried darauf die folgende Antwort: Beide „gackern ein bissl herum – und legen uns die faulen Eier“.
Jetzt ist nicht jedes Ei, das in einer Legebatterie gelegt wird, zwangsläufig gleich ein faules. Aber die Zuhörer wussten, was ihr Parteichef meint – und sie tun es seit Jahrzehnten.
1992 hat Jörg Haider, ein gebürtiger Oberösterreicher, begonnen, den politischen Aschermittwoch als FPÖ-Fest zu etablieren. In Ried im Innkreis gab er alljährlich mehr oder weniger gelungene Kalauer zum Besten. Schon damals war Herbert Kickl mit von der Partie – er fungierte als rhetorischer Einflüsterer, als Redenschreiber. Und seit dieser Zeit gilt an einem der strengsten Fastentage der Katholiken die Regel: Es geht fast alles. Zumindest was die Kritik am politischen Gegner angeht.
Für die FPÖ hat sich die Lage seither freilich etwas geändert. Die Freiheitlichen sind lange nicht nur Opposition, sondern stimmenstärkste Partei. Und sie haben dem Aschermittwoch derart ihren Stempel aufgedrückt, dass auch ÖVP und SPÖ nachziehen mussten oder wollten.
Im Falle der Kanzlerpartei passierte dies am Mittwoch in Klagenfurt, wo Christian Stocker eine Grundsatzrede hielt; und die SPÖ blickt seit Jahren zum steirischen SPÖ-Chef Max Lercher und seiner Veranstaltung in der Obersteiermark.
Polit-Folklore
„Der Aschermittwoch gehört in Österreich mittlerweile zur politischen Folklore“, sagt Politik-Analyst Thomas Hofer zum KURIER.
In der Praxis steht die FPÖ heute vor einem strategischen Problem: „Für sie ist 365 Tage im Jahr Aschermittwoch.“ Der Experte spricht damit zwei wesentliche Probleme an, die die FPÖ als Großpartei 2026 hat.
Das eine ist die Erwartungshaltung.
Gereiztheit
Thomas Hofer: „Dadurch, dass die FPÖ in ihrer täglichen Rhetorik fast immer stark zuspitzt, ist die Gereiztheit von Grund auf hoch. Für den Aschermittwoch bedeutet das, man muss noch mehr überspitzen, um diesen Tag überhaupt noch zu etwas Besonderem zu machen.“
Den zweiten Aspekt könnte man als den „staatstragenden Faktor“ bezeichnen.
Und der ist für die FPÖ heute jedenfalls wichtiger als noch vor 30 Jahren.
„Die FPÖ muss wissen“, sagt Hofer, „dass jeder Satz, der in Ried gesagt wird, ewig bleibt und zitiert wird.“
So sei die Beleidigung von Politikern wie des Bundespräsidenten („Mumie in der Hofburg“) nach wie vor im kollektiven Gedächtnis.
Das trifft freilich nicht nur auf die FPÖ zu.
Denn auch ÖVP und SPÖ tun gut daran, gewisse Grundhaltungen und Regeln einzuhalten – Aschermittwoch hin oder her.
Was ist damit gemeint? Als SPÖ-Klubchef Philipp Kucher im Vorjahr am politischen Aschermittwoch den früheren ÖVP-Chef Sebastian Kurz etwas eigenwillig veräppelte, erntete er dafür in und außerhalb der Partei nicht nur Lob (Kucher sagte über Kurz, er wolle ihn „nicht durch den Kakao ziehen, „weil der steckt eh über beide Ohren im Benko“, Anm.). Und als Andreas Babler noch nicht Vizekanzler war, schimpfte er FPÖ-Boss Kickl am Aschermittwoch einen „Angstbeißer“. Laut Thomas Hofer tat sich der nunmehrige Vizekanzler damit auch keinen Gefallen. „Das war ein Tiervergleich. Und für Politiker, die sich staatstragend geben wollen, ist das eher problematisch.“
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