An der Grenze zu Kolumbien boomt der Schwarzhandel

© REUTERS/STRINGER

Politik Ausland
01/22/2020

Zwölf Eier für Mindestlohn: Venezuelas gescheiterte Revolution

Vor einem Jahr versuchte Juan Guaidó als selbsternannter Präsident Staatschef Maduro zu stürzen.

von Tobias Käufer

In der "Schatzkammer" der Casa de Paso Divina Providencia im kolumbianischen Cucuta schlummern die "Reichtümer" für den nächsten Tag: Säcke von Kartoffeln, Reis, Hühnerfleisch und "was in diesen Tagen das Teuerste ist", wie Cucutas Bischof Victor Manuel Ochoa berichtet: gekühltes Trinkwasser.

Ochoa arbeitet an der Front, an der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien. Dort, wo jeden Tag Zehntausende Venezolaner die Grenze überqueren und viele von ihnen nicht mehr zurückkehren, weil sie es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten.

"Es funktioniert nichts mehr in Venezuela", berichtet Rolando Arias, 46, aus Barquisimeto, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern das Land verlassen hat, um in Kolumbien einen Neuanfang zu wagen.

In Venezuela war er Busfahrer, doch im ölreichsten Land der Welt gibt es aufgrund der heruntergewirtschafteten Ölindustrie und des massiven Schmuggels keinen Sprit mehr. "Die Lage ist aussichtslos. Wir haben entschieden, zu gehen", sagt Arias.

4,5 Millionen Flüchtlinge

In den vergangenen vier Jahren haben bereits 4,5 Millionen Menschen Venezuela verlassen. Und die UNO rechnet in diesem Jahr mit rund 1,5 Millionen weiteren Flüchtlingen aus dem darniederliegenden Land.

Als die Wähler die Sozialisten 2015 bei den Parlamentswahlen abstraften und die Opposition einen Erdrutschsieg einfuhr, dachten viele, das wäre die Wende. Doch es kam anders.

Venezuelas linksextremer Präsident Nicolás Maduro ließ das verloren gegangene Parlament entmachten und ersetzte es später durch eine verfassungsgebende Versammlung, ausschließlich besetzt mit linientreuen Anhängern.

Maduro hatte zuvor Gespräche platzen lassen

Nicolás Maduro regiert Venezuela seit 2013. Dass er es vom Busfahrer und Gewerkschafter bis zum Präsidenten schaffte, lag auch am frühen Tod seines Idols Hugo Chávez. In den Fußstapfen des früheren Putschisten und späteren Staatschefs war Maduro in immer höhere Ämter aufgestiegen. Als Chávez im März 2013 mit 58 Jahren an Krebs starb, wurde Maduro dessen Nachfolger.

Der Mann mit dem markanten Schnauzer engagierte sich schon als Schüler politisch. Später agierte er als Studentenführer, obwohl er mangels Hochschulreife gar nicht studieren durfte. Als Jugendlicher spielte er auch in einer Rockband.

Als der damalige Oberstleutnant Chávez 1992 nach einem gescheiterten Putschversuch im Gefängnis landete, kämpfte Maduro wie andere Genossen für dessen Freilassung. Dabei lernte der kräftige 1,90-Meter-Mann seine heutige Ehefrau kennen, Chávez' Anwältin Cilia Flores.

In seiner Amtszeit geriet Venezuela in eine immer tiefere politische und wirtschaftliche Krise, Millionen Venezolaner sind bereits ins Ausland geflohen.

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 23. Jänner, versuchte der Oppositionelle Juan Guaidó das Ruder herumzureißen und rief sich selbst zum Präsidenten aus. Hunderttausende Venezolaner stellten sich hinter ihn, sogar einige Militärs liefen über, und Dutzende Staaten erkannten Guaidó als Staatschef an.

Dennoch konnte er den Machtkampf bisher nicht für sich entscheiden – es herrscht weiterhin ein Patt.

Juan Guaidó stammt aus der Hafenstadt La Guaira im Bundesstaat Vargas, rund 30 Kilometer nördlich von Caracas. Der Diplom-Ingenieur war schon als Student politisch aktiv. Er zählt zu jenen jungen Politikern der Opposition, die als "Generation 2007", die Generation der Studentenproteste, bekannt wurde.

Im Parlament sitzt er für die Partei Voluntad Popular (Volkswille), zu dessen Mitbegründern er zählt. Vor seiner Wahl zum Parlamentschef im Jänner 2019  leitete er einen Ausschuss zur Untersuchung von Korruptionsfällen in dem Land.

Verheiratet ist Guaidó mit einer Journalistin, das Paar hat eine kleine Tochter. Sein Traum sei es, dass sie eines Tages unbesorgt in Caracas Fahrradfahren könne, sagte er in einem Interview. Wie viele Venezolaner ist Guaidó Baseball-Fan - er fiebert mit dem örtlichen Team Tiburones de La Guaira (Haie von La Guaira) - und tanzt gerne Salsa.

Der Staat befindet sich indes in Auflösung. Caritas-Experte Oliver Müller, der jüngst das Land besuchte, berichtet: "Es gibt Schätzungen von einer Inflationsrate von 135.000 bis zu einer Million Prozent und noch viel höher. Das hat dazu geführt, dass der monatliche Mindestlohn nur noch 1,70 Euro wert ist. Dafür kann man derzeit etwa zwölf Eier kaufen. Und das war es dann für den Rest des Monats. Der Großteil der Bevölkerung ist damit beschäftigt, das tägliche Überleben zu sichern."

Bewaffnung

Was hingegen funktioniert, ist die Bewaffnung der Sicherheitskräfte und regierungsnahen paramilitärischen Banden. Präsident Maduro will seine gefürchteten Milizen auf drei Millionen Männer und Frauen aufstocken. Zudem will er diese Banden legalisieren. Diese sowie die gefürchtete Polizei-Spezialeinheit FAES sorgen dafür, dass das Land eines der gefährlichsten weltweit ist.

Zum Jahreswechsel veröffentlichte die unabhängige "Venezolanische Beobachtungsstelle für Gewalt" (OVV) die jüngsten Zahlen über Polizeigewalt: Insgesamt 5.286 Tote gab es nach Polizeieinsätzen gegen "mutmaßliche Kriminelle", die "Widerstand gegen die Autorität" geleistet hätten.

Ein Großteil dieser Todesfälle seien "außergerichtliche Hinrichtungen", sagt OVV-Direktor Rodrigo Briceno-Leon.

Ärzte, Pfleger sind weg

Eine besonders perfide Art, sich Bürgern zu entledigen, die nicht auf Regierungslinie liegen: "In Caracas haben die Schüler nur an 60 Tagen im Jahr Unterricht gehabt. Das liegt daran, dass die Lehrer das Land verlassen oder mehrere Jobs angenommen haben, um irgendwie zu überleben. In den Provinzstädten erliegt das Leben nach 18 Uhr, weil sich die Menschen aus purer Angst bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße trauen", sagt Caritas-Experte Müller.

Die Krankenhäuser sind verwaist, weil Pflegepersonal und Ärzte geflohen sind. Viele arbeiten nun in den lateinamerikanischen Nachbarländern.

Und viele von den Flüchtlingen landen in der Erstaufnahmestelle in Cucuta im Nachbarland Kolumbien. "Wir bekommen hier zumindest eine warme Mahlzeit pro Tag. Das ist eine große Hilfe, den Alltag zu überstehen", sagt Busfahrer Rolando Arias. Sein Ziel: Möglichst schnell eine Arbeit zu finden, um jenem Teil der Familie, der noch in Venezuela geblieben ist, Geld schicken zu können. "Damit sie überleben können."

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