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Politik Ausland
05/26/2021

Wie Italiens Infrastruktur zerfällt: Bürokratie, Korruption und große Worte

Nach der Seilbahn-Katastrophe: Die Politik in Rom übt sich in Versprechen, doch die Probleme mit der Infrastruktur sitzen tief im System.

aus Mailand, Andrea Affaticati 

Vierzehn Menschen hat das Seilbahnunglück, das sich am Sonntag am norditalienischen Lago Maggiore zugetragen hat, gekostet. Nur ein 5-Jähriger hat es überlebt. Die Tageszeitung Corriere della Sera, schrieb, man solle sich hüten, das „Schicksal“ für diese Tragödie verantwortlich zu machen. All zu oft habe man bei ähnlichen Tragödien feststellen zu müssen, dass es sich um menschliches und vermeidbares Versagen gehandelt hatte.

Eine Vermutung, die sich nun nach der Verhaftung des Betreibers der Seilbahn Luigi Nerini bestätigt. Nerini soll gestanden haben, dass „es davor ein Problem gegeben hat“. Um weitere Unterbrechungen des Betriebs zu vermeiden, habe man die „Gabel“, die verhindert, dass das automatische Bremssystem aktiviert wird, „bewusst eingesetzt“.

Bei Wartung gepfuscht

Ein Geständnis, dass viele Italiener sprachlos macht, auch wenn man an so manches gewöhnt ist. Man braucht nur an die Tragödie vom 14. August 2018 denken, als in Genua die Morandi Brücke einstürzte und 43 Menschen starben. Wie sich herausstellte, wurde seitens des Betreibers Autostrade per l’Italia, der zur Holding der Familie Benetton gehört, bei der Wartung gepfuscht. Die Regierung ihrerseits hatte die vorgeschriebenen Kontrollen nicht durchführen lassen.

Kontrollen nicht durchgeführt

Die Morandi-Brücke steht für den generellen Zustand der italienischen Infrastruktur. Straßen, Brücken, Eisenbahntrassen wurden Ende der 1950er gebaut und sind zum Großteil baufällig. Engmaschige Kontrollen wären geboten, werden aber nicht immer durchgeführt.

Die Politiker aber treten nach Tragödien wie der vom Sonntag vor die Kameras, um zu beteuern: „Sicherheit muss oberste Priorität haben.“ Wie schlecht es generell, und zwar von Nord- nach Süditalien um die Infrastruktur steht, weiß man seit Jahren. Fast 2.000 Infrastruktur-Bauwerke bedürfen dringend der Reparatur. Brücken und Viadukte sind da gar nicht eingerechnet. Von ihnen werden fast 6.000 als dringend sanierungsbedürftig eingestuft. Die meisten befinden sich aber nicht in Süditalien, sondern in der norditalienischen Region Lombardei.

Weitere Brücken eingestürzt

Von 2013 bis 2020 sind neben der Morandi Brücke sechs weitere Brücken eingestürzt, davon acht in Norditalien und eine in Süditalien. Was nicht heißt, dass die Infrastruktur im Süden besser da stünde. 2015 stürzte entlang der sizilianischen Autobahn Palermo–Catania ein Viadukt ein. Der damalige Infrastrukturminister kam aus Rom angeflogen und versprach Millionen Euro für den Wiederaufbau, weitere Milliarden Euro für die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur auf der Insel.

Schnelle Züge

Das Viadukt steht wieder, mit dem Zug von Palermo nach Catania (210 Kilometer) fährt man keine 5 bis 6 Stunden mehr, sondern drei. Für die 773 Kilometer von Mailand nach Neapel, braucht ein neuer Hochgeschwindigkeitszug keine 5 Stunden.

EU-Milliarden

Es sind die Bürokratie, korrupte Politiker und nicht selten die Mafia, die bei öffentlichen Aufträgen die Hände im Spiel hat, die Italiens Infrastruktur in diesen desolaten Zustand gebracht haben. Mit dem EU-Wiederaufbauplan sollen 31,5 Milliarden Euro in die Infrastruktur, und zwar besonders in jene Süditaliens investiert werden.

Auch internationale Anleger seien sehr interessiert, urteilt ein britisches Beratungsunternehmen, davor aber müssten Bürokratie und Justiz grundlegend reformiert werden. Premier Mario Draghi ist mit dem Versprechen angetreten, genau das zu tun.

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