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Niederlande
03/19/2020

Wie ein Österreicher die Krise in Holland einschätzt

Der Student Maximilian Lehmann entschied sich, zu bleiben - trotz fragürdiger Corona-Politik des Premiers.

von Walter Friedl

Ruhig, besonnen und ganz klar in der Analyse der aktuellen Corona-Situation in den Niederlanden. So wirkt der österreichische Student Maximilian Lehmann, 23, als ihn der KURIER am Donnerstag in seiner WG in Amsterdam erreicht. Und das obwohl die Maßnahmen zur Eindämmung der Erkrankungen in dem Benelux-Land laxer sind als hierzulande. Und Premier Mark Rutte mit einem Zickzack-Kurs für Verunsicherung gesorgt hat: Zunächst sprach er von dem Versuch, eine „kontrollierte Gruppenimmunität“ aufbauen zu wollen (wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert waren oder sind, ist das Virus gleichsam besiegt), um danach zurückzurudern – wie schon sein britischer Amtskollege Boris Johnson.

„Ich wohne mit drei anderen und meiner Freundin im Rotlichtviertel im Zentrum Amsterdams, wo es viele Lokale gibt“, sagt der junge Mann. Obwohl es keine Ausgangssperren gibt, „sind die Straßen leer, so habe ich das in den eineinhalb Jahren, in denen ich da bin, noch nie erlebt“. Der Vorteil sei: „Keine besoffenen Briten mehr.“

Wirtschaft vor Gesundheit

Was den 23-Jährigen verblüfft, ist die relative Langsamkeit der niederländischen Behörden in der Corona-Krise: „Normalerweise sind die Holländer immer schneller als Österreich – etwa, was Reformen oder Innovationen anbelangt. In diesem Fall hinken sie allerdings den Österreichern hinterher.“ Und der junge Mann, der Europa-Wissenschaften studiert, hat auch eine Erklärung dafür: „Ich meine, da standen wirtschaftliche Interessen dahinter (Stichwort: Umschlagplatz Rotterdam). Die wurden vor die Volksgesundheit gestellt.

Obwohl Maximilian Lehmann die restriktiveren österreichischen Maßnahmen auch gerne in den Niederlanden sehen würde, hat er sich dafür entschieden, in Amsterdam zu bleiben. „Mein Vater hat Asthma, und meine beide Großeltern sind fast hundert Jahre alt. Ich könnte sie alle sowieso nicht besuchen.“

Und so macht er das, was alle  Experten raten: Außer zum Einkaufen bleibt er zu Hause, setzt auf eLearning und vertreibt sich die Zeit mit seinen Kommilitonen. Etwa mit seinem Studienkollegen Jim Henderson, 22. Der Brite nennt im KURIER-Gespräch zwei Gründe, warum auch er lieber in Holland geblieben ist: „Im Vergleich zum Königreich sind sich die Behörden der Bedrohung bewusster, und das Gesundheitswesen ist besser.“ Sein Resümee: „Ich fühle mich hier sicherer.“