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Politik Ausland
08/27/2020

Weiße, bewaffnete US-Milizen: Die selbst ernannten Ordnungshüter

Bewaffnete Zivilisten wollen für „Recht und Ordnung“ sorgen. Zuletzt starben deshalb zwei Menschen. Wer sind diese Gruppen?

von Karoline Krause-Sandner

Er sei nach Kenosha gekommen, „weil er Geschäfte und Menschen beschützen“ wollte, sagte Kyle R. aus Illinois in einem Interview, kurz bevor die Proteste in der kleinen Stadt aus dem Ruder liefen und R. mit seinem mitgebrachten Sturmgewehr auf mindestens drei Menschen schoss, von denen zwei starben.

Das alles passierte in den späten Abendstunden des Dienstag, als selbst ernannte Milizen in Kenosha auftauchten, wo es die dritte Nacht in Folge zu Protesten gekommen war. Die „Kenosha Guard“ aus bewaffneten weißen Männern hatte über Facebook einen Aufruf gestartet: „Gibt es hier Patrioten, die bereit sind, die Waffen aufzunehmen und unsere Stadt vor bösen Gangstern zu verteidigen?“, hieß es in einer mittlerweile gelöschten Gruppe.

3.000 Menschen folgten dem Aufruf. Ob auch Kyle R. der Einladung der „Kenosha Guard“ gefolgt ist, war zunächst unklar. Auf Videos ist er jedenfalls mit mehreren schwer bewaffneten weißen Männern zu sehen, die sich über die Bewegungen der Protestierenden beraten.

Die US-Soziolgin Amy Cooter erklärt gegenüber dem KURIER, dass R. zumindest ideologisch mit der "Boogaloo Bewegung" verbunden ist. Ein großer Teil der Bewegung sehe es als seine Aufgabe, Eigentum und Menschen vor Demonstrierenden zu beschützen, so die Expertin. Für die Bewegung sind viele der "Black Lives Matter"-Demonstranten von der gewaltbereiten Antifa unterwandert.

Auf Fotos ist R. zu sehen, als er am Tag vor der Gewaltnacht Graffiti von einer Hauswand wäscht. Das, so Cooter, passt zu der Einstellung der Bewegung, dass man in der eigenen Interpretation Gutes tut, während die Protestierenden destruktiv und negativ seien.

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Hilfsbereit

Kevin Mathewson ist 36 und der Gründer der „Kenosha Guard“. Kyle R. hätte mit seinen 17 Jahren gar nicht bewaffnet sein dürfen, sagte er, „weder rechtlich noch ethisch“. Doch seine Gruppe sei nicht dafür verantwortlich, was der Teenager tue.

R., der die Polizei vergöttert, wirkt auf den Handyvideos der Gewaltnacht sehr aktiv, trägt selbstbewusst seine Waffe und einen Arztkoffer und möchte helfen. Er kommuniziert mit Polizisten, die aus gepanzerten Fahrzeugen mit den bewaffneten Zivilisten reden. Sie geben R. Wasser für die anderen und danken ihnen für ihren Einsatz. „Wir wissen eure Anwesenheit zu schätzen“, sagt einer.

Es war kein Geheimnis, dass sich bewaffnete weiße – vermutlich rassistische – Milizen in Kenosha einfinden würden. Die Polizei war von Mathewson persönlich informiert und aufgefordert worden, sie nicht daran zu hindern.

"Nein, danke"

Sheriff David Beth hatte abgelehnt. Im Nachhinein weiß er, warum. Und auch der demokratische Bürgermeister John Antaramian war nicht erfreut: „Ich brauche nicht noch mehr Waffen auf den Straßen, während wir versuchen, für Sicherheit zu sorgen.“ Der Stadtchef und der demokratische Gouverneur von Wisconsin, Tony Evers, sahen sich seit Tagen mit der Kritik konfrontiert, gegen die Plünderer und Brandstifter nicht hart genug durchzugreifen.

Präsident Donald Trump und einige Republikaner hatten Evers unter Druck gesetzt, die Nationalgarde zur Unterstützung der Polizei anzufordern. Mittlerweile seien rund 1.000 Soldaten und 200 Strafverfolgungsbeamte in Kenosha, hieß es am Donnerstag aus dem Weißen Haus.

„Beunruhigender Trend“

Waffen sind auf Demonstrationen in den USA in den vergangenen Monaten immer „normaler“ geworden. In vielen Staaten sei das nicht einmal illegal, schildert Soziologin Cooter, deren Spezialgebiet Nationalismus ist, dem KURIER.

Das Narrativ der Bewaffneten: „Wir werden die Dinge selbst in die Hand nehmen“, sie werfen Sicherheitsbehörden vor, nicht hart genug durchzugreifen. Das sei Teil eines „beunruhigenden Trends“, zitiert die Washington Post den Extremismusexperten Oren Segal. Kyle R. und andere hätten ihre Unterstützung für die Polizei als Rechtfertigung dafür genommen, bewaffnet bei den Protesten aufzutauchen.

Ein 29-jähriger Mann namens Joe, der sich als Ex-Marine ausgab, sagte der Washington Post: „Hier tut niemand was, außer uns.“ Er hingegen sei „bewaffnet und bereit“.

Manche Milizen gibt es seitden 90ern, sagt Cooter, viele andere haben sich in den vergangenen Monaten zusammengeschlossen, oft mit rassistischen, rechtsextremen und/oder neonazistischen Ideologien. Bei mehreren „Black Lives Matter“-Demos kamen sie bewaffnet als „Gegendemonstranten“. Das sei neu, so die Soziologin.

Bekanntheit erlangten zuletzt die „Boogaloo Boys“, die rechtsextrem und schwer bewaffnet sind, mit denen Kyle R. sympathisieren soll. Schon seit einigen Jahren gibt es die „Minute Men“, eine Art Bürgerwehr, die an der Grenze das Land vor illegalen Einwanderern schützen will.

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