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Drohnenkrieg über Russland: Wie die Ukraine den Krieg bis nach Moskau trägt

Die Ukraine ist im vierten Kriegsjahr zur Drohnengroßmacht aufgestiegen. Wer nach den Gründen für diesen Technologiesprung sucht, der stößt auch auf eine lebendige Kiewer Start-up-Szene.
FILE PHOTO: Ukrainian servicemen prepare a heavy combat drone before flying it over positions of Russian troops near the frontline town of Chasiv Yar

556 ukrainische Drohnen habe man abgewehrt. 556. In nur einer Nacht. 

Was das russische Militär am Sonntag als Erfolgsmeldung verkündete, ist vielmehr jüngstes Zeugnis einer doch einigermaßen unwahrscheinlichen Entwicklung: Im vierten Kriegsjahr nach der russischen Vollinvasion ist die kleine Ukraine, deren Volkswirtschaft vor dem Krieg ein Zehntel jener Russlands ausmachte, zur Drohnengroßmacht geworden. Das kann inzwischen nicht einmal mehr der Kreml leugnen. 

Dass Selenskij Putins Siegesparade am 9. Mai per Dekret "erlaubte", mag als Troll-Aktion gelten. Der Angriff vom Wochenende zeigt jedoch: Übertrieben hatte der ukrainische Präsident, ungeachtet möglicher russischer Vergeltungsschläge, damit nicht. 

Mit ihren neuen Langstreckendrohnen setzt die Ukraine Russland inzwischen offenbar nach Belieben zu. Vorbei die Zeiten, in denen man um die Lieferung einiger (weniger) Taurus-Marschflugkörper in Berlin vorstellig werden musste. Mit den neuen Langstreckendrohnen hat die Ukraine eine wirksame und vor allem kostengünstige Alternative zu den so lange geforderten Lenkwaffen des Westens entwickelt. 

Denn von den über abgefangenen 500 Drohnen waren zumindest 120 in den Luftraum um Moskau eingedrungen, rund 700 Kilometer von der nächsten ukrainischen Grenze entfernt. Und sie sorgten nicht nur für Aufregung im bestbewachten Luftraum Russlands – 12 Menschen wurden bei den Angriffen verletzt, eine Ölraffinerie wurde getroffen. 

Wie viele der Drohnen genau durch die Luftraumüberwachung schlüpften, wollte das Verteidigungsministerium in der entsprechenden Aussendung freilich nicht sagen. Aber jedenfalls was den „unteren Luftraum“ betrifft, jener Zone, in der die ukrainischen Drohnen unterwegs sind, scheint die Ukraine einen echten Technologievorsprung zu haben.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Kiew, so berichten Analysten wie Lesia Bidochko vom European Policy Institute in Kiew, sei es gelungen, eine schlagkräftige Privat-Industrie aufzubauen. 500 Unternehmen gebe es inzwischen in der Ukraine, die FPV-Drohnen (First Person View) produzieren. „40 bis 50 davon gehören zur Spitzenklasse.“ Der Privatsektor mache damit etwa 90 Prozent der FPV-Produktion aus, schrieb Bidochko zuletzt in einem Gastbeitrag in der NZZ. Und der Output ist inzwischen gewaltig. Anfang 2026 soll die Ukraine bis zu 1000 Abfangdrohnen produziert haben. Täglich.

Damit holt die Ukraine umgekehrt inzwischen die Mehrzahl der russischen Drohnen vom Typ Shahed vom Himmel, von denen Russland 2025 54.000 gen Ukraine schickte – und das zu einem Bruchteil der Kosten dieser ohnehin schon billigen Drohnen nach iranischem Patent. Zum Vergleich: Eine Abfangdrohne kommt die Ukraine inzwischen auf rund 2.500 Dollar, eine Shahed-Drohne kommt auf rund 50.000 Dollar. 

Ein Grund, weshalb die kleine ukrainische Luftmacht inzwischen auch für den Westen interessant ist: Eine einzelne Patriot-Rakete, das Standard-Abfang-Produkt kostet rund 3 Millionen Dollar. Lockheed Martin, der größte Waffenproduzent der USA, stellt davon rund 600 her. Jährlich.

Explosion erupts from an apartment building following a Ukrainian drone attack, in Ryazan

Einschlag einer ukrainischen Drohne in einem Apartment-Gebäude in  Rjasan, 200 Kilometer südöstlich von Moskau. 

Masse statt Klasse

Dass diese Rechnung längst nicht mehr aufgeht, zeigte sich auch im Iran-Krieg. Obwohl die Golfstaaten über das fortschrittliche Patriot-Raketenabwehr-System verfügten, waren sie mit den Shahed-Drohnen-Angriffen aus dem Iran schnell überfordert. Neben der Skalierung seiner Drohnen-Produktion dürfte der Ukraine aber vor allem ein echtes Innovationskunststück gelungen sein. Die Produzenten stehen in stetem Austausch mit den Einheiten an der Front. Eine einfache Rückkoppelung erlaubt die schnelle Weiterentwicklung der kleinen Drohnen, die es inzwischen in den abenteuerlichsten Konfigurationen gibt. 

Auf einem Video, das ukrainische Streitkräfte selbst veröffentlichten, ist etwa eine Langstreckendrohne zu sehen, die als Trägerdrohne für zwei kleinere FPV-Drohnen fungiert. Ausgestattet mit Starlink-Antennen können sie so tief in russischem Gebiet für präzise Angriffe sorgen.

Die Ukraine profitiert dabei auch von Entwicklern und Soldaten, die ihr Handwerk in der aufstrebenden Tech-Szene der Ukraine gelernt haben. Robert Brovdi, Befehlshaber der Drohnen-Einheiten der Ukraine, war vor dem Krieg erfolgreicher Unternehmer, vor dem Krieg gab es in Kiew rund 400 Start-ups. Schwer vorzustellen, dass Nato-Staaten eine derart schnelle Weiterentwicklung ihres Arsenals hinbekommen würden. 

Die Schwerfälligkeit des deutschen Bundeswehrbeschaffungsamts ist Legende, die Einführung des neuen Standard-Sturmgewehres G-95 der Bundeswehr zog sich über ein Jahrzehnt.

„Wir müssen die Fesseln abwerfen“, sagte angesichts eines Innovationszyklus bei Drohnen zwischen sechs und zwölf Wochen jüngst auch der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Aftermath of a Russian drone attack in Zaporizhzhia

Russischer Drohnenangriff in Zaporizhzhia. 

Die neuen ukrainischen Langstreckendrohnen können inzwischen Ölraffinerien, Munitionsdepots und Militärflugplätze tief im Inneren Russlands angreifen, Ziele in über 1500 Kilometern Entfernung von der Front wurden bereits getroffen. Umgekehrt setzt auch Russland immer mehr auf Drohnen. Bei Vergeltungsschlägen des eingangs erwähnten Angriffs auf Moskau in der Hafenstadt Odessa wurde ein Wohngebäude, eine Schule und ein Kindergarten getroffen. In der Stadt Dnipro wurden mindestens 18 Menschen verletzt, darunter zwei Kinder.

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