Experte zu Trumps Iran-Deal: "Würde nicht 60, sondern mindestens 600 Tage benötigen"
Trump ist zuversichtlich, „eine großartige Einigung im Krieg mit dem Iran“ erzielt zu haben. Experten sind skeptisch.
39 könnte Donald Trumps neue Glückszahl werden. So oft hat der US-Präsident seit Beginn des Iran-Kriegs schon einen Friedensdeal mit den Mullahs in Aussicht gestellt. 38 Mal wurde daraus nichts. Nun, so lassen Signale aus Washington und Teheran vermuten, könnte er der Sache tatsächlich nahgekommen sein.
Ein 14 Punkte umfassendes Dokument, das Trump zufolge „von allen Parteien gebilligt wurde“, soll finalisiert worden sein, hieß es am Freitagabend. Unterschrieben war zwar noch nichts. Und wie so oft tauchten sofort unterschiedliche Interpretationen auf, etwa über das Nuklearprogramm. Doch etwas hat sich getan.
Bereits der ganze Verhandlungsprozess sei äußerst intransparent gewesen, wie ein Insider, der unlängst in Washington war, dem KURIER bestätigt – auch für die Amerikaner. „Normalerweise weiß in jeder Administration eine Seite mehr als die andere, also entweder die Demokraten oder die Republikaner. So ein Niveau von absoluter Ratlosigkeit habe ich noch nie zuvor gesehen.“
„Eigentlich unrealistisch“
Bislang ist aus den Gesprächen durchgedrungen, dass erst ein Rahmenabkommen geschlossen wird und dann vertiefte Verhandlungen folgen. Erst dann sollen zentrale Fragen wie die Zukunft von Irans Atomprogramm - ein Punkt, den Trump zur Begründung für seinen Krieg genannt hat - geklärt werden. Dafür sind 60 Tage vorgesehen. „Das ist sehr ambitioniert und eigentlich unrealistisch“, so der Insider, der am Wiener Atomabkommen (JCPoA) beteiligt war.
Zur Erinnerung: Die Gespräche dafür begannen bereits 2004, der Kern der Verhandlungen fand zwischen 2012 und 2015 statt – unter enormem Aufwand und mit vielen persönlichen Kontakten zur Vertrauensbildung. Dem Iran standen nicht nur die USA, sondern auch die vier weiteren Vetomächte des UN-Sicherheitsrats sowie Deutschland gegenüber. „Zentral war zudem die Rolle der EU, die in allen Formaten und als Koordinator fungierte.“ Heute bleibt die Europäische Union als Vermittlerin völlig außen vor. „Die Amerikaner sind da ganz klar: Wir wollen das mit den Golfalliierten machen und niemanden dran lassen.“
Angriffe abgesagt
Am Donnerstag sagte US-Präsident Donald Trump überraschend Angriffe auf den Iran ab und sprach von einem baldigen Abkommen. Teheran bestätigte am Freitag, dass ein Vertragstext finalisiert sei.
Worum geht es?
Laut iranischen Medien handelt es sich um ein 14-Punkte-Rahmenabkommen. Dadurch könnte die Straße
von Hormus wieder geöffnet und US-Sanktionen aufgehoben werden. Der Text beinhalte zudem den Abzug von US-Streitkräften aus der Region und die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder. Trump beschuldigte den Iran daraufhin, Falschinformationen zu verbreiten. Die Bedingungen, die das Land durchgestochen habe, hätten „NICHTS“ mit dem zu tun, was vereinbart worden sei.
Beobachter bezweifeln jedoch, ob beide Seiten die Anforderungen für derart komplexe Verhandlungen erfüllen. „Damals waren auf jeder Seite Hunderte Fachleute involviert. Heute sind für die USA – etwas zugespitzt – Investmentbanker und Immobilienmanager im Einsatz, die nicht notwendigerweise das Rüstzeug für Nuklearverhandlungen haben.“ Ihnen gegenüber stehe im Iran „das erfahrenste Verhandlungsteam, das seit 20 Jahren nichts anderes macht“. Irans Außenamtssprecher Esmail Baghaei klagte zuletzt etwa darüber, dass die US-Seite immer wieder ihre Position verändere.
Unklar ist auch, ob die USA unter der aktuellen Führung auf Vorarbeit von damals zurückgreifen. Trump bezeichnet den JCPoA, den er 2018 kündigte, als „schlechtesten Deal aller Zeiten“. Der Experte widerspricht: Das Abkommen sei „das Beste gewesen, was erreichbar war“, sein Ende ein „großer Schock“. Alle Bestimmungen seien darauf ausgelegt gewesen, dass der Iran sie nicht brechen oder umgehen könne. „Es gab nie den Gedanken, dass die USA das Abkommen aufgeben würden.“
Verschärfte Situation
Nun, acht Jahre später, stehe man im Grunde vor denselben Problemen wie damals – nur verschärft. „Es ist viel schwieriger geworden, weil sich das Programm sehr entwickelt hat.“ Durch den 12-Tage-Krieg sei zudem viel Information zerstört worden. „Allein auf das Niveau von 2015 zu kommen, wäre ein enormer Aufwand. Es würde nicht 60, sondern mindestens 600 Tage benötigen.“
Bei einem Deal werde er unter anderem ganz genau darauf achten, was mit Irans Uran passiert. „Selbst wenn die 400 Kilogramm hochangereichertes Uran außer Landes gebracht werden, ist die Menge an weiterem angereicherten Uran möglicherweise 100 Mal höher als 2015.“ Auch das Moratorium für die Anreicherung sei hochkomplex: Was wird davon abgedeckt und wie wird das verifiziert? Was passiert mit waffenfähigem Plutonium oder Forschungsprogrammen? Wer überprüft, ob wirklich alle iranischen Anlagen zerstört wurden? „Im JCPoA hatten wir dafür sicher 20 bis 30 Parameter. Der erste Eindruck ist, dass das Ganze hinter damaligen Standards zurückbleibt.“
Ein großer Kritikpunkt am ersten Deal war auch, dass das iranische Raketenprogramm nicht vom JCPoA umfasst war. Auch diesmal bleibt es offenbar ausgeklammert. Wie Trump einen solchen Deal dennoch als Erfolg verkaufen will? „Es geht vermutlich weniger um Inhalt als um Inszenierung“, mutmaßt der Insider. Beim Namen allerdings dürfte dem US-Präsidenten das nicht gelungen sein. Das Abkommen soll offenbar ganz schlicht „Islamabad Agreement“ heißen.
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