Syrien: Armee meldet Einnahme von Deir Hafer östlich von Aleppo

Soldaten mit roten Baretts und Gewehren stehen auf einer Straße vor einer zerstörten Stadt.
Die Zivilbevölkerung wurde aufgefordert, das Einsatzgebiet nicht zu betreten, bis die Armee die Gegend gesichert und von Minen geräumt hat.

Zusammenfassung

  • Syrische Armee übernimmt Deir Hafer östlich von Aleppo nach Rückzug kurdischer Truppen und drängt weiter ins westliche Euphratgebiet vor.
  • Syrische Regierung signalisiert Dialogbereitschaft mit Kurden, erklärt Kurdisch zur Landessprache und gewährt Staatsbürgerschaft.
  • Präsident al-Sharaa besucht am Dienstag Deutschland, Gespräche mit Bundesregierung über Vertiefung der Beziehungen und Flüchtlingsrückkehr geplant.

Im Konflikt zwischen syrischen Regierungskräften und kurdischen Kämpfern hat die syrische Armee die Einnahme der Stadt Deir Hafer gemeldet. Ihre Truppen hätten "die vollständige militärische Kontrolle" über die Stadt rund 50 Kilometer östlich von Aleppo übernommen und drängten nun weiter in "das westliche Euphratgebiet" vor, erklärte die Armee am Samstag früh im staatlichen Fernsehen. Die kurdischen Truppen hatten zuvor zugestimmt, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen.

Die Zivilbevölkerung werde aufgefordert, "das Einsatzgebiet nicht zu betreten", bis die Armee die Gegend gesichert und von Minen geräumt hätte, erklärten die Regierungskräfte weiter. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachtete unterdessen, wie Regierungstruppen mit Panzern in das Gebiet vorrückten.

Kurdische Truppen sagten Rückzug zu

Zuvor hatten die syrischen Regierungstruppen massive Verstärkung in der Region zusammengezogen. Die Armee rief die mehrheitlich kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) zudem auf, das Gebiet östlich von Aleppo bis hin zum Euphrat zu räumen. SDF-Anführer Mazloum Abdi erklärte auf X, angesichts von entsprechenden Aufforderungen befreundeter Staaten und Vermittler würden die SDF der Forderung am Samstag früh um 07.00 Uhr (Ortszeit; 05.00 Uhr MEZ) nachkommen.

Am vergangenen Wochenende hatten die syrischen Streitkräfte nach tagelangen Gefechten die Kontrolle über ganz Aleppo übernommen. Truppen der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus und kurdische Kämpfer hatten sich dort zuvor heftige Gefechte geliefert. Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld an der Gewalteskalation. Nach Angaben syrischer Behörden vom Sonntag wurden durch die Kämpfe 24 Menschen getötet und 129 weitere verletzt. Zehntausende Bewohner mussten flüchten.

Seit dem Sturz des syrischen Machthabers Bashar al-Assad im Dezember 2024 wurde das im Nordwesten des Landes gelegene Aleppo bereits weitgehend von der neuen Übergangsregierung kontrolliert. Nur die mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadtviertel Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah hatten zuletzt noch unter der Kontrolle kurdischer Einheiten gestanden.

Die syrischen Kurden kontrollieren einen Großteil des ölreichen und für seinen fruchtbaren Ackerboden bekannten Nordosten Syriens. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 genossen sie dort de facto Autonomie. Beim Sieg über die IS-Miliz in Syrien 2019 spielten die von den USA unterstützten SDF eine entscheidende Rolle.

Syrische Regierung signalisiert Bereitschaft zum Dialog

Seit Assads Sturz im Dezember 2024 hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen. Der Regierung in Damaskus mit dem früheren Jihadisten al-Sharaa an der Spitze wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen.

Am Freitag demonstrierte die syrische Regierung nun Bereitschaft zum Dialog mit der kurdischen Minderheit im Land. Präsident al-Sharaa erließ ein Dekret, mit dem Kurdisch zu einer der Landessprachen Syriens erklärt wurde.

Durch das Präsidialdekret erhalten die Kurden in Syrien zudem die Staatsbürgerschaft. 20 Prozent von ihnen war diese auf Grundlage einer umstrittenen Volkszählung aus dem Jahr 1962 entzogen worden. Zudem sollen nun Schulunterricht auf Kurdisch in Gegenden mit hohem kurdischen Bevölkerungsanteil ermöglicht und das kurdische Neujahrsfest Newroz zum offiziellen Feiertag erhoben werden. Es ist die erste formale Anerkennung der nationalen Rechte der Kurden seit Syriens Unabhängigkeit 1946.

"Die kurdischen Bürger Syriens sind ein wesentlicher und integraler Bestandteil des syrischen Volkes, und ihre kulturelle und sprachliche Identität ist ein untrennbarer Teil der vielfältigen und geeinten syrischen nationalen Identität", heißt es in dem Dekret.

Al-Sharaa rief die Kurden in einer Fernsehansprache auf, sich "aktiv" am "Aufbau dieser Nation" zu beteiligen. Der einflussreiche Kurden-Politiker Salih Muslim sagte der Nachrichtenagentur AFP allerdings, er betrachte das Dekret als Versuch, die Kurden "zu entzweien".

Syrischer Präsident besucht am Dienstag Deutschland

Am Dienstag trifft al-Sharaa als erster syrischer Präsident seit 25 Jahren zu einem offiziellen Besuch in Deutschland ein. Er wird von Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Außenminister Johann Wadephul empfangen. Erklärtes Ziel der Bundesregierung sind "eine Vertiefung und ein Neustart" der Beziehungen, eines der Themen soll die Rückkehr syrischer Flüchtlinge sein.

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