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Politik Ausland

Forscher schlagen Alarm: Atomwaffenarsenale werden wieder wachsen

Das Friedenforschungsinstitut Sipri rechnet damit, dass die Atomwaffenarsenale erstmals seit Ende des Kalten Krieges wieder wachsen.

06/13/2022, 06:42 AM

Nach jahrzehntelangem RĂŒckgang könnte die Zahl der Atomwaffen in der Welt nach SchĂ€tzung von Friedensforschern bald erstmals wieder ansteigen. Trotz einer leichten Verringerung der globalen Gesamtzahl nuklearer Sprengköpfe auf zuletzt schĂ€tzungsweise 12 705 rechnet das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri damit, dass diese Zahl im Laufe des kommenden Jahrzehnts wieder zunimmt.

„Es gibt eindeutige Anzeichen dafĂŒr, dass die Verringerungen, die die globalen Atomwaffenarsenale seit dem Ende des Kalten Krieges charakterisiert haben, beendet sind“, sagte der Sipri-Experte Hans M. Kristensen. Ohne sofortige und konkrete AbrĂŒstungsschritte der neun Atomwaffenstaaten könnte der globale Bestand nuklearer Waffen bald erstmals seit dem Kalten Krieg wieder grĂ¶ĂŸer werden, warnte sein Kollege Matt Korda.

USA und Russland mit den grĂ¶ĂŸten Arsenalen

Wie aus Sipris am Montag veröffentlichtem Jahresbericht hervorgeht, verfĂŒgen Russland (5977) und die USA (5428) gemeinsam nach wie vor ĂŒber rund 90 Prozent aller Atomsprengköpfe in der Welt. Bei beiden sei die Zahl 2021 zwar weiter zurĂŒckgegangen - dies habe aber vor allem mit der Demontage ausrangierter Sprengköpfe zu tun, von denen sich das MilitĂ€r schon vor Jahren verabschiedet habe. Die Zahl der Atomwaffen in nutzbaren MilitĂ€rbestĂ€nden der beiden LĂ€nder sei dagegen relativ stabil geblieben.

Sowohl in den USA als auch in Russland liefen umfassende und kostspielige Programme, um die Atomsprengköpfe, TrÀgersysteme und ProduktionsstÀtten auszutauschen und zu modernisieren, schreiben die Friedensforscher.

Gleiches gilt fĂŒr die weiteren Atomwaffenstaaten, zu denen Sipri zufolge Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea zĂ€hlen. Sie alle haben Sipri zufolge neue Waffensysteme entwickelt oder stationiert oder dies zumindest angekĂŒndigt.

China und Großbritannien rĂŒsten auf

Keines der LĂ€nder habe vor, seine Atomwaffen in irgendeiner Weise abzuschaffen, sagte Kristensen der Deutschen Presse-Agentur. China befinde sich gerade vielmehr mitten in einem umfassenden Ausbau seines Atomwaffenarsenals, Großbritannien habe 2021 angekĂŒndigt, die Obergrenze fĂŒr seinen Gesamtbestand an Sprengköpfen zu erhöhen.

Seit Jahrzehnten ist die weltweite Zahl der Kernwaffen kontinuierlich gesunken. Mittlerweile macht sie nur noch weniger als ein FĂŒnftel von dem aus, was sich zu Hochzeiten des Kalten Krieges in den 1980er Jahren in den Arsenalen der AtommĂ€chte befunden hatte. Bereits im Vorjahr hatten Sipri jedoch eine Trendwende hin zu moderneren nuklearen Waffen ausgemacht. Deutschland besitzt solche Waffen nicht.

Die fĂŒnf UN-VetomĂ€chte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China hatten zu Jahresbeginn beteuert, gegen die weitere Verbreitung von Atomwaffen vorgehen zu wollen. „Wir betonen, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals gefĂŒhrt werden darf“, hieß es Anfang Januar in einer gemeinsamen ErklĂ€rung der Staaten.

Sipri monierte, dass alle fĂŒnf LĂ€nder ihre Arsenale seitdem weiter ausgebaut oder modernisiert hĂ€tten. Russland habe im Zuge seines Angriffskriegs in der Ukraine gar offen mit dem möglichen Gebrauch von Atomwaffen gedroht. „Obwohl es im vergangenen Jahr einige bedeutende Fortschritte sowohl bei der nuklearen RĂŒstungskontrolle als auch bei der atomaren AbrĂŒstung gegeben hat, scheint das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen jetzt höher als zu jedem Zeitpunkt seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges“, erklĂ€rte Sipri-Direktor Dan Smith.

Kriegsfolgen ungewiss

Die neuen Sipri-Daten beziehen sich auf den Januar 2022. Einen Monat spĂ€ter marschierte Russland in die Ukraine ein. Noch sei es etwas zu frĂŒh fĂŒr RĂŒckschlĂŒsse, wie sich Russlands Angriffskrieg letztlich auf die atomare Lage in der Welt auswirken werde, sagte Kristensen.

Einen indirekten Effekt sieht der Experte aber schon jetzt: „Die Russen sehen, dass ihre konventionellen StreitkrĂ€fte nicht so gut sind, wie sie dachten.“ Deshalb dĂŒrfte sich Russland wahrscheinlich kĂŒnftig stĂ€rker auf taktische Atomwaffen verlassen. Die Nato reagiere auf den Ukraine-Krieg, indem sie die Bedeutung ihrer Atomwaffen herausstelle.

Das Risiko einer nuklearen Konfrontation habe sich durch den Ukraine-Krieg erhöht, sagte auch Kristensen. Die Gefahr sei, dass sich der Krieg zu einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Nato ausweiten könnte. Zu den Problemen komme der anhaltende Konflikt zwischen Indien und Pakistan hinzu, auch wachsende Feindseligkeiten an der Grenze zwischen China und Indien sowie Nordkoreas anhaltende AtombemĂŒhungen spielten eine Rolle.

„All diese Dinge summieren sich. Es ist also angemessen zu sagen, dass wir uns im Moment in einem sehr prekĂ€ren Zustand befinden“, sagte Kristensen. Notwendig sei nun vor allem eine Entspannung der nuklearen Rhetorik vonseiten der AtommĂ€chte. Es sei auch ein Weckruf fĂŒr Nicht-Atomwaffenstaaten, die viel mehr Druck auf die Atomwaffenstaaten ausĂŒben mĂŒssten, um von dieser waghalsigen Politik zurĂŒckzutreten. Ein Gradmesser dafĂŒr sei eine Konferenz zur Nichtverbreitung von Atomwaffen in New York im August.

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