Schweizer Modell: Führt direkte Demokratie zu mehr Vertrauen in den Staat?

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Das politische System der „Willensnation“ lässt das Volk regelmäßig mitentscheiden. Es hat die Schweizer pragmatisch und sparsam gemacht. Ihr Staat – das ist für sie vor allem ein Instrument zum Erhalt ihrer Freiheiten.

In der politischen Herzkammer der Nation, dem Nationalratssaal im Berner Bundeshaus, führt die Architektur alle Blicke unausweichlich auf den Gründungsmythos der Schweiz. Hinter dem Sitz des Parlamentspräsidenten thront ein kolossales Landschaftsgemälde, „Die Wiege der Eidgenossenschaft“. Es zeigt das Panorama des Urnersees, im Vordergrund die wichtigste Wiese des Landes: das Rütli. Dort sollen sich im Mittelalter drei Kantonsherren gegen die Herrschaft der Habsburger verschworen haben.

FILE PHOTO: Last day of the legislature before national elections at the Swiss Parliament in Bern

Im Schweizer Nationalratssaal wird der Blick automatisch auf "Die Wiege der Eidgenossenschaft" geleitet.

Wer heute an die Schweiz denkt, denkt gerne an Banken und Uhren. Die Schweizer gelten im Ausland als genau und pünktlich, oft auch als ein bisschen geizig. Kurz: als äußerst rationales Volk. Da mag es überraschen, wie sehr die Sage des „Rütlischwurs“ das Land bis heute prägt. Vor allem, da sich Historiker längst einig darüber sind, dass er ein Mythos ist. In Wahrheit entstanden damals wohl mehrere lose Bündnisse zwischen Schweizer Kantonen gleichzeitig.

Doch in einem Staat ohne gemeinsame Sprache und Ethnie – ohne „Blut-und-Boden-Nationalismus“, wie es ein Schweizer Freund des Autors formuliert – ist das verbindende Element der „Schwur“ auf gemeinsame Werte: Unabhängigkeit, Föderalismus und viel Mitspracherecht für das Volk. Die Schweiz gilt somit als „Willensnation“, die am Leben gehalten wird, weil die Mehrheit diese Werte hochhält und sich politisch beteiligt.

Direkte Demokratie sorgt für „institutionellen Zwang zum Dialog“

Dabei ist die Schweiz längst keine reine direkte Demokratie, meint der Politologe Marc Bühlmann von der Universität Bern: „Tatsächlich gibt es einen Mix aus repräsentativen und direktdemokratischen Elementen.“ Das werde im Ausland oft missverstanden. 

Bühlmann führt aus: „Der überwältigende Teil der Gesetzgebung findet auf repräsentativer Ebene statt, also im Parlament.“ Nur etwa drei Prozent aller Gesetzesvorschläge werden durch Referenden hinterfragt. „Das heißt“, so Bühlmann, „dieser direktdemokratische Teil ist fast nur symbolisch. Aber diese Symbolkraft hat eben eine riesengroße Bedeutung.“

Politologe Marc Bühlmann

Marc Bühlmann ist Politologe an der Universität Bern.

Viermal jährlich werden die Schweizer zur Urne gebeten, um über unterschiedlichste Initiativen abzustimmen. Erhält eine Initiative aus dem Volk 100.000 Unterschriften, so landet auch dieser Vorschlag auf dem Abstimmungszettel. Jedes erfolgreiche Referendum führt zunächst zu einer Verfassungsänderung. Die konkrete Umsetzung auf Gesetzesebene obliegt dann Parlament und Behörden. 

Und weil das Volk theoretisch gegen jeden Vorschlag der gewählten Vertreter mobil machen kann, müssen sich die Parlamentarier mit Themen auseinandersetzen, die in der breiten Bevölkerung gerade diskutiert werden, und mögen sie noch so absurd erscheinen. Bühlmann nennt das den „institutionalisierten Zwang zum Dialog“.

Minarettverbot und Hornkuh-Initiative: "Die Elite muss über diese Themen sprechen"

So erzwangen die Schweizer 2009 nach einer Volksinitiative ein Minarettverbot, obwohl es landesweit nur vier solcher Moscheetürme gab. Die von einem Bergbauern angetriebene Hornkuh-Initiative zur finanziellen Förderung von Bauern, die nur Rinder mit Hörnern(!) halten, scheiterte dagegen 2018 knapp.

„Die repräsentative Elite muss über diese Themen sprechen, genau wie im Prinzip alle politisch interessierten Bürgerinnen und Bürger“, sagt Bühlmann. Mit dem Effekt, „dass solche auf reinen Gefühlen und Ängsten basierenden Debatten oftmals von der Politik versachlicht werden.“ Denn nicht über jede Volksinitiative, die genug Unterschriften zusammentragen konnte, muss abgestimmt werden: Das Parlament kann auch einen Gegenvorschlag präsentieren, der Ideen der Initiative aufnimmt, aber weniger weit greift. Diesem müssen die Initianten zustimmen.

SWITZERLAND-PARLIAMENT-POLITICS-VOTE

Viermal pro Jahr dürfen die Schweizer an die Urne treten und über verschiedenste Initiativen abstimmen, wenn diese mehr als 100.000 Unterschriften zusammentragen konnten.

2014 stimmten die Schweizer etwa für eine „Initiative gegen Masseneinwanderung“ inklusive jährlicher Höchstzahlen für Migranten. Wäre sie buchstabengetreu umgesetzt worden, hätte das dem Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU widersprochen. Dieses hätte man also aufkündigen müssen – mit großem wirtschaftlichen Schaden für das Land. Das Parlament schlug also den sogenannten Inländervorrang vor: Ein Gesetz, durch das Unternehmen nachweisen müssen, dass sie zumindest versuchen, ausgeschriebene Stellen zuerst mit Staatsbürgern zu besetzen. Dieser Kompromiss gilt seit 2018.

Großes Vertrauen in das eigene System

Womit wir beim vielleicht wichtigsten Effekt des Schweizer Modells wären: Die Abstimmungen kanalisieren das Misstrauen der Bevölkerung. „Die Menschen fühlen sich mit ihren Sorgen und Ängsten ernst genommen“, sagt Bühlmann, „weil sie aufgrund des Systems ernst genommen werden müssen.“

Vielleicht ist die Schweizer Seele ja eine Folge des Systems: „Die direkte Demokratie führt dazu, dass man sich als Bürger zwangsläufig regelmäßig mit finanziellen Entscheidungen auseinandersetzen muss“, erklärt der Schweizer Freund. Und weil sich jede Region und jeder Bürger selbst am nächsten ist, „führt das zu unserer vorsichtigen Steuer- und Ausgabenpolitik“.

Ihr Staat – das ist für die meisten Schweizer letztlich ein Instrument zum Erhalt ihrer Freiheiten und ihres gesamtgesellschaftlichen Wohlstands. Vertrauen sie ihm mehr als andere Völker? Tatsächlich ist das Basisvertrauen in das politische System laut Bühlmann „eines der höchsten weltweit“.

Der größte Nachteil: Fortschritt gelingt nur langsam

Und die Nachteile des Schweizer Modells? Fortschritt gelingt, wenn überhaupt, extrem langsam. „Es gibt eigentlich nur zwei Zustände“, sagt der Schweizer Freund. „Entweder es bewegt sich nichts, weil alle Regionen ihr eigenes Süppchen kochen. Oder der Bund greift ein, dann gibt es meistens Widerstand.“ 

Der Schweizer ist eben ein vorsichtiger Mensch, der gerne am Status quo festhält. So wurde das Frauenwahlrecht bundesweit erst 1971 eingeführt – unter anderem, weil eine frühere Volksinitiative 1959 daran gescheitert war, dass der Großteil der Männer mit „Nein“ gestimmt hatte. 

 

Der Autor erfreut sich an den Blüten des politischen Systems der Schweiz. Etwa am „Röstigraben“ – der politischen Kluft zwischen der Deutschschweiz und der französischsprachigen Romandie, die meist offener gegenüber einem Sozialstaat und dem Ausland ist.

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