Vom Exporteur zum Importeur: Russlands historische Spritkrise spitzt sich zu
Tankstelle in Omsk
Bis zum EU-Embargo Anfang 2023 hat Europa massiv Diesel aus Russland importiert. Deutschland galt mit 40 Prozent seiner gesamten Dieselimporten als Hauptabnehmer. Danach lenkte Moskau aufgrund der westlichen Sanktionen seine Exporte in die Türkei, nach Brasilien oder in Länder in Nord- und Westafrika beziehungsweise in den Nahen Osten um.
Mittlerweile hat sich die Situation aufgrund der Erfolge der ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Öllager, Öltanker im Asowschen Meer und Raffinerien völlig gedreht. Produktionsausfälle, Engpässe in der Versorgung und Preisspitzen an den Zapfsäulen sind die Folge. Die Rohstoffgroßmacht Russland erlebt eine historische Treibstoffkrise und wird vom Exporteur zum Importeur.
Widerwillig, aber doch, hat selbst Wladimir Putin schon vor rund einer Woche Versorgungsengpässe eingestanden. „An den Tankstellen gibt es Warteschlangen, die benötigten Benzinsorten sind nicht immer vorrätig“, sagte Putin bei einer Krisensitzung mit Ölproduzenten.
Angesichts kilometerlanger Schlangen vor Tankstellen im ganzen Land und insbesondere auf der seit 2014 annektierten Krim wurde jetzt ein Diesel-Exportverbot verhängt. Es folgt den entsprechenden Ausfuhrverboten für Benzin (seit April) und Kerosin (seit Juni).
Auch der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak begründete den Schritt in einer im Fernsehen übertragenen Regierungssitzung mit der angespannten Lage auf dem heimischen Markt. Die Situation an den Tankstellen bereite der Bevölkerung Sorge, sagte Nowak.
Um die Versorgungslage zu verbessern, bleibt Moskau nichts anderes übrig, als Benzin und Diesel aus Belarus, Kasachstan oder auf dem Seeweg aus Indien zu importieren, sagt Russland-Kenner Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. „Das ist natürlich nicht optimal, aber die einzige kurzfristige Lösung für Moskau. Die Raffineriekapazitäten sind mit bis zu 50 Prozent bereits sehr stark eingeschränkt“, sagt der Experte zum KURIER.
Was das Exportverbot Moskaus für die Spritpreise in Österreich bedeutet, ist schwierig einzuschätzen.
Auf die Versorgung hat es keine Auswirkungen, da Österreich keinen Diesel mehr direkt aus Russland importiert. Indirekt über den globalen Markt - weniger Angebot durch den Ausfall Russlands, starke Nachfrage durch die Einbrüche in Folge der Nahost–Krise - ist aber sehr wohl von steigenden Preisen auch in Österreich auszugehen. Die Dieselpreise und –Margen sind an den europäischen Handelsplätzen wie Rotterdam kurzfristig sprunghaft gestiegen.
Dennoch geht Astrov davon aus, dass die Tankstellenpreise in Österreich stärker von der Entwicklung am Persischen Golf und in der Straße von Hormus beeinflusst werden als von der Situation in Russland. Der Rohölpreis ist trotz der neuerlichen Eskalation am Golf leicht gefallen. Die Märkte gehen von der baldigen Wiederaufnahme von Verhandlungen zwischen Washington und Teheran aus.
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