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Politik Ausland
12/25/2019

Rumänien 1989: Wie ich die blutige Revolution erlebte

Weil Not am Mann war, rückte KURIER-Sportreporter Jürgen Preusser zu Weihnachten aus und erlebte die Rumänische Revolution hautnah.

Das Sonderflugzeug der Ärzte-Ambulanz mit Wiener Journalisten an Bord flog ungewöhnlich hoch. Aus Sicherheitsgründen, hieß es. Während wir am 25. Dezember 1989 nach Bukarest unterwegs waren, wurden Elena und Nicolae Ceauşescu in Târgovişte hingerichtet.

Szenenwechsel: Patricia und Gabriel leben glücklich in Toronto, weil ihr Leben an diesem Tag vor 30 Jahren eine unerwartete Wende nahm. Sie Studentin, er Flugzeug-Ingenieur, beide ehrgeizige, aber widerspenstige Untertanen der Ceauşescu-Diktatur. Zwischen ausgebrannten Autos stand Gabriels kleiner Dacia. Rostig, aber intakt.

Livia Klingl, damals Redakteurin beim Standard, und ich fragten den jungen Mann, ob er uns in die Stadt mitnehmen würde. Taxis gab es keine, weil die Revolution außer Kontrolle geraten war. Gabriel sprach Englisch und lieferte uns beim zerschossenen Hotel Continental ab. Wir tauschten Telefonnummern aus – Festnetz, was sonst im Jahr 1989?

Die Bibliothek brannte

Vom Fenster aus sah ich die ausgebrannte Kuppel der Bibliothek, die als Foto um die Welt ging. Im Fensterrahmen steckte ein Projektil. Es dauerte Stunden, ehe ich den ersten Bericht durchgeben konnte. Das lag daran, dass man an der Rezeption eine Leitung nach Wien bestellen musste. Und an einem Anrufbeantworter im KURIER, dem ich das Götzzitat diktierte, was mich fast den Job gekostet hätte. Drittens war ich kein Profi in Sachen Bürgerkrieg: Praktisch alle Außenpolitik-Reporter befanden sich in Berlin und schrieben sich nach dem Mauerfall die Finger wund. An der rumänischen Nebenfront musste ein Sportredakteur einspringen.

Ausgerechnet ich. Drei Jahre davor hatte ich über ein 0:4 der österreichischen gegen die rumänischen Kicker für die Die Presse berichtet. In der Halbzeit-Pause wurde ich im Steaua-Stadion von KURIER-Reporter Wolfgang Winheim abgeworben.

Illegale Eintrittskarte

Jetzt arbeitete ich im KURIER-Sport und für die neue Freizeit-Beilage, hatte zwei kleine Kinder, es war Weihnachten – und ich sah, wie Menschen vor meinen Augen starben: Livia und ich standen vor dem Hotel, als ein Panzerwagen in einen Pkw feuerte. Das brennende Auto rollte weiter und kam am Gehsteig vor dem verwaisten Büro der AUA zum Stillstand. Drei Tote, wenn nicht fünf.

Ich lernte viel in diesen Tagen über Opferangaben an Kriegsschauplätzen. Ungewohnt für einen Sportreporter, der sich auf Hundertstelsekunden verlassen kann: Einer schätzt, ein anderer verdoppelt, ein dritter zieht dreißig Prozent ab. Aus dieser Zahl und den offiziellen Angaben wird ein Mittelwert errechnet. Diese Zahl gelangt ins Netz der Nachrichtenagenturen.

Die Profis, Livia und zwei Haudegen von La Repubblica und La Stampa, schmiedeten einen Plan: Sie wollten unbedingt eine Reportage aus einem befreiten Foltergefängnis der Securitate machen. Ich hatte eine APA-Meldung bei mir. Am Ende des Ausdrucks stand der Name Victor Stanculescu in einer eigenen Zeile. Ich fälschte die Unterschrift des höchsten Generals Stanculescu. Eine alte APA-Meldung als illegale Eintrittskarte.

Im Securitate-Gefängnis

Wir stapften bei eisigem Wind über ein Schneefeld, erreichten die Festung. Die Soldaten am Tor salutierten vor der gefälschten Signatur und organisierten eine Führung. Chamber of Horror: Ein Kinosaal mit einer Bühne, die links und rechts einen Eingang hatte. Dazwischen an der weißen Wand braune Flecken. „Hier saßen die Ceauşescu-Günstlinge und schossen auf die Gefangenen“, erzählte ein Offizier. „Wer die andere Tür erreichte, hatte Glück. Zumindest dieses eine Mal…“

Dieses Erlebnis war selbst den beiden italienischen Kriegsveteranen zu viel. Im Schneetreiben auf dem Weg zurück sprach keiner ein Wort. Doch wir dachten alle das Gleiche: Wie bestialisch können Menschen sein?

Am nächsten Tag schafften wir es in das heiß umkämpfte Rundfunkgebäude. Der Weg führte durch ein Nobelviertel. Schüsse fallen. Einige Fassaden der Villen waren durchlöchert, Scheiben zersplittert. Die Bonzen hatten sich längst aus dem Staub gemacht.

Irgendwo in der Stadt wurde eine Studentin von einem Sniper vom Fahrrad geschossen. Eine der letzten Gräueltaten versprengter Securitate-Schergen. Die Vertreter der Boulevardpresse – auch der österreichischen – frönten ihrer Dichtkunst: „Ra-ta-ta-ta, die Salven der MPs dröhnen in meinen Ohren – und da kommen sie endlich, die heiß ersehnten Tränen...“ Viele von denen saßen im sicheren Keller des Hotel Intercontinental, wo eine Art Pressezentrum eingerichtet war, und wagten keinen Schritt vor die Tür.

Die neue Führung verkündete ihren Sieg. Livia drang bis ins Live-Studio vor, wo ihr ein Interview mit Ion Iliescu, dem späteren Präsidenten, gelang. Davon profitierte auch ich: Kleine Gegenleistung für den Stanculescu-Coup.

Marmorsplitter

Nach der Hinrichtung der Ceauşescus beruhigte sich die Lage nur langsam. Weiterhin starben Menschen, meist Studenten. Im Hof der Uni wurde ein provisorischer Friedhof eingerichtet. Ein Bild bekomme ich nie mehr aus dem Kopf: Eine Mutter weint auf Knien vor zwei Holzkreuzen um ihre beiden Kinder, während sie vom Neuschnee zugedeckt wird. Dieser Stachel sitzt tiefer als die Reportage in der Prosektur, die uns ein deutschstämmiger Pathologe zufällig ermöglichte: Leichenberge auf riesigen Marmortischen.

Kurz vor dem Rückflug führten uns Patricia und Gabriel durch den Parlamentspalast: Mahnmal des maßlosen Größenwahns, aber auch der Paranoia des Tyrannen: 86 Meter hoch, 65.000 m², bombensichere Kellerräume bis 92 Meter unter der Erde. Eine Million Kubikmeter Marmor aus Siebenbürgen wurden verarbeitet. Einen Splitter davon hab ich, einen hat Livia. Patricia und Gabriel nutzten den Umsturz und zwei Einladungen nach Wien zur Flucht. Heute sind sie Kanadier. Und auch sie haben einen Marmorsplitter als Briefbeschwerer.

von Jürgen Preusser

November 1989
In Timişoara (Temesvar) spitzt sich die Lage zu: Der Regime-kritische Pfarrer Laszlo Tökes wird von Schergen des gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate in seiner Wohnung überfallen und verletzt. Ende des Monats ergeht der Beschluss, ihn am 15. Dezember zu deportieren.

15. Dezember und die Folgetage
Um zu verhindern, dass Tökes abtransportiert wird, stellen sich hunderte Menschen um sein Haus – und singen Protestlieder. Es kommt zu Zusammenstößen mit Securitate-Mitarbeitern. Am 17. Dezember rollen erstmals Panzer durch die Stadt, deren Zentrum abgeriegelt wird. Es kommt zu Toten und Verletzten. Am 18. Dezember wird über Timişoara der Ausnahmezustand verhängt. Ab 19. Dezember schließen sich Arbeiter den Protestierenden an. Am 21. Dezember wird die Ceauşescu-Diktatur in der Stadt für beendet erklärt.

21. Dezember
Der Funke der Revolution springt auf die Hauptstadt Bukarest über. Der Diktator wendet sich in einer Rede vom ZK-Gebäude an sein Volk – und wird ausgebuht. Tausende junge Menschen beginnen, im Zentrum Barrikaden zu errichten. Armee, Miliz und die Securitate gehen brutal gegen die Aufständischen vor.  

22. Dezember
Tausende Arbeiter ziehen Richtung Stadtzentrum. Ceauşescu verhängt den Notstand über das gesamte Land. Aktivisten erobern die Fernsehstation. Ion Iliescu, einer der Anführer der Protestierenden, gab die Gründung der „Front zur Nationalen Rettung“ bekannt. In der Kapitale und in anderen Städten kommt es zu schweren Kämpfen. Bis zum endgültigen Sieg der Revolution am 27. Dezember sterben 942 Menschen (insgesamt 1104). Nun verweigern auch Teile der Streitkräfte die Gefolgschaft. Noch am selben Tag will das Tyrannen-Paar per Hubschrauber fliehen. Es landet schließlich in einem Pflanzenschutzzentrum am Rande Bukarests. Dort wurden Elena und Nicolae Ceauşescu vom Direktor in einem Raum eingesperrt und später von einer aufständischen Miliz abgeholt.  

25. Dezember
Ein eilig einberufenes Militärtribunal verurteilt das Paar zum Tode. Am selben Tag um 14.50 Uhr wird es exekutiert, erschossen. Prozess und Hinrichtung wurden gefilmt und ausgestrahlt.

27. Dezember
Die Revolution hat endgültig gesiegt.

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