© EPA/KIM HEE-CHUL

Politik Ausland
09/25/2020

Peking zwingt Mongolen chinesische Sprache auf

Seit Schulbeginn werden wichtige Fächer in mongolischen Schulen der Inneren Mongolei nur noch auf Mandarin unterrichtet. Die autonome Minderheit ist im Alarmzustand.

Von Paul Maier

Den ersten Schultag haben sich diese Eltern wohl anders vorgestellt. Die Innere Mongolei ist eine autonome Region im chinesischen Staatsgebiet. Der Lehrplan für die dort lebende ethnische Minderheit hat sich nun überraschend verändert: In mongolischen Schulen werden seit Schulstart die Fächer Literatur, Politik und Geschichte nicht mehr in mongolischer Sprache, sondern nur noch auf Mandarin, also hochchinesisch unterrichtet.

Düstere Vorahnungen

Mongolische Eltern sind im Alarmzustand, der Zentralregierung in Peking eilt nämlich ein Ruf voraus. Die rigorose Assimilierung ethnischer Minderheiten, wie sie bereits in anderen autonomen Regionen Chinas wie Tibet oder Xinjiang voranschreitet, habe ebenfalls in Schulen angefangen. „In Xinjiang hat es im Jahr 2004 so angefangen, in Tibet schon früher. Die politische Unterdrückung der Kultur wird scheibchenweise vorgenommen. In der Schule beginnt sie, dann geht sie sukzessive immer weiter nach oben“, sagt Sinologe Sascha Klotzbücher zum KURIER.

Die muslimische Minderheit in Xinjiang – die Uiguren – werden aktuell in sogenannte „Umerziehungslager“ gesteckt, in denen die muslimisch-geprägte Kultur aberzogen werden soll. Außerdem werden muslimische Frauen in Xinjiang zu Verhütung und Sterilisation gezwungen. Die chinesische Regierung hatte zuletzt behauptet, die Zahl dieser Lager würde zurückgehen. Eine neue Studie des Australian Strategic Policy Institutes zeigt allerdings, dass Peking insgesamt mindestens 380 Camps in der Region gebaut hat – vierzehn weitere befinden sich derzeit im Aufbau.

Mongolische Familien fürchten nun, dass ähnliche Zustände auch in der Inneren Mongolei Realität werden könnten. Folglich kam es zu Unruhen: Neben Schulboykotten und Demonstrationen haben Eltern ihre Kinder – gegen Polizeigewalt – aus Internaten abgeholt. Die Regierung der unabhängigen Mongolei nördlich von China hatte die ethnische Minderheit im Süden zu diesem Widerstand ermutigt.

Die chinesischen Behörden begegnen dem Aufbegehren mit harter Hand: So wurden beispielsweise in der Stadt Tongliao Fotos von Demonstrationsteilnehmern aufgehängt, Hinweise zu ihrer Ergreifung werden mit 1.000 Yuan (umgerechnet rund 123 Euro) belohnt.

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Nomadenkultur bedroht

Nicht nur die Verdrängung der Sprache, sondern auch die Zerstörung der mongolischen Nomadenkultur beginnt in Schulen. Viele in der autonomen Region sind Halbnomaden, bewegen sich also saisonbedingt für Landwirtschaft und Viehzucht (auch in Österreich gibt es Halbnomaden).

„Familien werden dazu gedrängt, ihre Kinder in Internate zu schicken. Das macht ein Nomadenleben unmöglich“, so Klotzbücher. Dabei werde gerne ökonomisch argumentiert. Sei Massentierhaltung in urbaneren Gebieten doch wesentlich effizienter, als Viehzucht in der Peripherie.

Unmut im Land wächst

Die mit Abstand größte Volksgruppe Chinas ist jene der Han-Chinesen, die knapp 92 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen und im Südosten des Landes leben, während der periphere Nordwesten Chinas größtenteils von ethnischen Minderheiten bewohnt wird.

Die Menschenrechtsverletzungen Pekings gegenüber den Minderheiten seien nur der Anfang. Einzelne Maßnahmen bekämen neuerdings auch die Han-Chinesen zu spüren: „Seit der Komplettabriegelung der Stadt Wuhan haben alle ihre Bewohner eine Gesundheits-App auf ihrem Handy installiert, die eigentlich eine Kontroll-App ist. Diese funktioniert wie eine Ampel: Schaltet sie auf Rot, darf die betroffene Person ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Es gab schon mehrere Fälle, in denen Bürger plötzlich ohne Erklärung auf Rot geschaltet wurden und damit eingesperrt waren“, so der Sinologe.

Außerdem wurden jegliche Postings über Corona-Vertuschungsversuche der Regierung in sozialen Medien drakonisch bestraft: Ihr mobiles Konto wurde gesperrt. Das isoliert sie nicht nur von den sozialen Medien, sondern macht sie auch zahlungsunfähig, da in China mittlerweile mit dem Handy bezahlt wird.

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