Mit Migrationshintergrund an die Spitze von Frankreichs Rechtspopulisten

Marine Le Pen und ein Mann in Anzügen gehen zusammen im Freien.
Jordan Bardella soll den Vorsitz des nationalistischen RN übernehmen, doch Marine Le Pen überlässt ihm nur scheinbar die Bühne.

von Simone Weiler

Er ist kein Le Pen – und doch dürfte er ab heute dem Rassemblement National (RN), Frankreichs größter rechtsextremen Partei, voranstehen: der 27-jährige Jordan Bardella. In seinen 50 Jahren Existenz hatte der RN nur zwei Vorsitzende, nämlich den Mitbegründer Jean-Marie Le Pen sowie dessen Tochter Marine Le Pen, die den einstigen Front National 2018 umbenannte. Nachdem bei den Parlamentswahlen im Juni 89 RN-Abgeordnete in die Nationalversammlung einzogen, will sich die 54-Jährige ganz auf den Fraktionsvorsitz konzentrieren.

Bardellas einziger Konkurrent für die Nachfolge Le Pens ist Louis Aliot, Bürgermeister von Perpignan und Le Pens ehemaliger Lebensgefährte. Aliots Chancen sind Umfragen zufolge gering.

Angriffslustig, aber höflich

Denn der Nachwuchspolitiker Bardella ist sehr präsent in den Medien, wo er sich als redegewandt und angriffslustig, aber stets höflich präsentiert – Typ perfekter Schwiegersohn. Seit einem Jahr fungiert er als RN-Interimspräsident, da Le Pen den Parteivorsitz abgab, um sich auf die Präsidentschaftswahl im April vorzubereiten, bei der sie Emmanuel Macron in der Stichwahl unterlag.

Seit Langem gilt Bardella als ihr politischer Ziehsohn. Er selbst sagte, er sei als 16-Jähriger „mehr für Marine Le Pen als für den Front National“ in die Partei eingetreten. Sein Geografie-Studium brach er ab, er leitete die Jugendorganisation „Generation Nation“, wurde 2014 Verantwortlicher auf Departements-Ebene, später Parteisprecher und 2019 Listenführer für die Europawahl.

Beim Thema Einwanderung wählt der EU-Abgeordnete harte Worte, spricht von einem „Ansturm auf Europa aus Afrika“ und fordert absolute Härte – dabei stammen seine Eltern aus Italien. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Pariser Vorort Drancy nutzt Bardella diese persönliche Erfahrung, um ein Schreckensbild eines von Ausländern überfluteten Frankreichs zu zeichnen. „Ich verstehe unsere Mitbürger, die sich fremd im eigenen Land fühlen“, sagte er in einer TV-Sendung.

Er gilt als absolut loyal gegenüber Marine Le Pen. Dass sie die geheime Chefin bleiben wird, gilt als ausgemacht. Offiziell sprach sie sich für keinen der beiden Kandidaten aus, da beide auf ihrer Linie liegen. Auch ohne den Namen Le Pen zu tragen.

RN-Parlamentsskandal

Der Parteitag könnte jedoch von einem Eklat in der Nationalversammlung überschattet werden. Der RN-Parlamentarier Grégoire de Fournas unterbrach dort am Donnerstag den Schwarzen Linkspolitiker Carlos Martens Bilongo, als dieser über ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer auf der Suche nach einem Hafen sprach. Je nach Auslegung rief de Fournas „Sollen sie doch nach Afrika zurückkehren“ in Bezug auf die Menschen auf dem Boot – oder „kehr doch nach Afrika zurück“ mit Blick auf Bilongo. In der gesprochenen französischen Sprache lässt sich der Unterschied kaum ausmachen.

Ein Tumult brach aus, die Sitzung wurde unterbrochen. Während de Fournas von einer politischen Manipulation sprach, warfen ihm Politiker verschiedener Lager Rassismus vor. „Der RN hat sein wahres Gesicht gezeigt“, so Martens Bilongo. De Fournas hätte im Falle eines Sieges von Bardella eigentlich einer von dessen Sprechern werden sollen.

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