Zivilist (37) getötet: Wie Trump Minneapolis belagert und die Lage eskaliert
Mit den Hasenohren auf seiner blauen Mütze und dem Spiderman-Rucksack sieht Liam Conejo Ramos nicht aus wie ein typischer Häftling – er ist fünf Jahre alt. Das Foto, auf dem der Kleine von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE festgehalten wird, löste einen landesweiten Aufschrei aus. Veröffentlicht hatte es seine Vorschule in Columbia Heights, einem Vorort der Großstadt Minneapolis.
„Was hätten sie denn tun sollen?“, fragte US-Vizepräsident J. D. Vance am Donnerstag bei einer Pressekonferenz vor Ort im Beisein Dutzender ICE-Agenten. „Hätten sie einen Fünfjährigen einfach erfrieren lassen sollen?“
Die beteiligten Beamten behaupten, Liams Vater habe zu fliehen versucht und seinen Sohn im Auto zurückgelassen. Mitarbeiter der Schule widersprechen: Das Kind sei als „Köder“ benutzt und gezwungen worden, den Vater aus dem Haus zu locken. Der Anwalt der Familie erklärte, beide seien 2024 legal aus Ecuador eingewandert und würden über gültige Asylbescheide verfügen. Trotzdem seien Liam und sein Vater nach Texas gebracht worden, ihre Abschiebung werde vorbereitet.
Tägliche Straßenkämpfe
Der Fall hat das nächste düstere Kapitel der „Operation Metro Surge“ aufgeschlagen: Seit Mitte Dezember patrouillieren mehr als 3.000 Bundesbeamte in der als „Twin Cities“ bekannten Metropolregion um die Städte Minneapolis und St. Paul – fast doppelt so viele wie bei vorhergehenden Einsätzen in Chicago, Charlotte und New Orleans.
Laut der Stadtregierung sind bisher rund 3.000 Personen festgenommen worden, viele davon seien legal im Land. Heimatschutzministerin Kristi Noem, der ICE untersteht, sprach dagegen von 10.000 inhaftierten „Mördern, Vergewaltigern, Bandenmitgliedern und Betrügern“. Es wäre nicht das erste Mal, dass Noems Ministerium falsche Zahlen veröffentlicht. Im Dezember hieß es, 70 Prozent der 2025 von ICE festgenommenen Personen wären vorbestraft oder würden in laufenden Verfahren als Beschuldigte geführt. ABC News veröffentlichte interne Dokumente der Behörde, laut denen nur 26 Prozent vorbestraft sind und gegen weitere 26 Prozent, teilweise dieselben Personen, Verfahren laufen.
Die Trump-Regierung will am demokratischen Minneapolis ein Exempel statuieren, weil der zivile Widerstand hier besonders stark ist: In der Stadt entstanden vor sechs Jahren die „Black Lives Matter“-Proteste, nachdem der Schwarze George Floyd von einem Polizisten getötet worden war. Aus dieser Zeit sind Bürgerbewegungen geblieben, die heute das Vorgehen der ICE-Agenten mit dem Handy dokumentieren.
Renée Good war Mitglied einer solchen Bewegung. Seit ein Beamter der 37-Jährigen am 7. Jänner in ihrem Auto in den Kopf schoss, ist die Stimmung in der Stadt endgültig gekippt. Täglich kommt es bei brutalen Festnahmen mutmaßlicher illegaler Migranten durch ICE-Agenten zu Kämpfen mit Anwohnern und Demonstranten.
675.000 illegale Migranten will ICE im Vorjahr abgeschoben haben. Weitere 2,2 Millionen hätten die USA auf eigene Faust verlassen.
69.000 Menschen befinden sich derzeit in ICE-Abschiebezentren. Laut NGOs sind viele von ihnen US-Bürger oder besitzen einen Asylbescheid.
- Falsche Zahlen
Laut dem Heimatschutzministerium sollen 70 Prozent der von ICE im Vorjahr inhaftierten Personen vorbestraft sein. Interne Dokumente zeigen dagegen: 26 Prozent sind vorbestraft, gegen weitere 26 Prozent, teilweise dieselben Personen, laufen Verfahren.
Trump rudert zurück
Am Freitag riefen Organisatoren in ganz Minnesota zu einem Generalstreik auf, bei dem sogar Unternehmen mitzogen: Kaffeeketten blieben geöffnet, damit sich die Demonstranten darin aufwärmen konnten. Eine Brauerei verteilte Gratis-Hotdogs. Laut einer YouGov-Umfrage glauben fast 60 Prozent der Amerikaner, dass die ICE-Beamten Gesetze brechen.
Am Donnerstag änderte sich folglich Donald Trumps Sprache: Bei seiner Rede am Weltwirtschaftsforum Davos nannte der US-Präsident Goods Tod eine „Tragödie“. Zuvor hatte er sie als „professionelle, linksextreme Agitatorin“ bezeichnet.
Auch Vance sprach davon, dass die Regierung mit örtlichen Behörden zusammenarbeiten würde, „um das Chaos zu mindern“. Zuvor hatte der örtliche ICE-Chef Greg Bovino geklagt, seine Mitarbeiter könnten aufgrund der feindseligen Stimmung „nicht einmal einen Kaffee kaufen“.
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