Falklandinseln: Warum die Geopolitik ans Ende der Welt zurückkehrt

Der jahrzehntelange Streit zwischen Argentinien und Großbritannien erlebt eine Neuauflage. Dass die „Malvinas“ ausgerechnet jetzt wieder Thema sind, hat auch mit dem Iran-Krieg zu tun.
Eine Karte der Malwinen mit Grasfüllung steht auf einem Platz, umgeben von Menschen und Gebäuden.

Vor dem schneebedeckten Bergpanorama trotzt ein Kriegsschiff dem eisigen Wind. In Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt – oder, wie sie hier werbewirksam sagen: „El fin del mundo“ („Das Ende der Welt“) – könnte es schon bald Verstärkung bekommen. Zumindest ist das Medienspekulationen zufolge der Plan der argentinischen Regierung um den libertären Präsidenten Javier Milei.

Konkret geht es um den neuen „Atlantik-Schutzschild“, den die USA im Schatten der jüngsten Konflikte mit Venezuela, Kuba und dem Iran mit befreundeten lateinamerikanischen Staaten aufbauen. Dazu zählen unter anderem Länder wie Chile, Ecuador oder eben Argentinien.

Wer nicht dabei ist: die Europäer. Vordergründig soll das neue, vor wenigen Wochen im Beisein von rund ein Dutzend Staats- und Regierungschefs in Miami beschlossene Bündnis dem Kampf und der Abwehr gegen die organisierte Kriminalität und dem Drogenhandel dienen.

In Ushuaia könnte dabei ein neuer Brückenkopf des US-Militärs entstehen. Ideal, um weit in die Antarktis hineinzuhorchen und den Südatlantik von hier aus kontrollieren zu können.

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Eine Plakatwand in Buenos Aires: „Das argentinische Volk war und wird immer anti-imperialistisch sein.“ Viele Argentinier sehen den Falkland-Konflikt als Kampf gegen Kolonialmächte. 

Krieg mit Großbritannien

Um die Vorherrschaft in diesem kalten Meeresgebiet wurde einst erbittert gekämpft. In Ushuaia erinnern Monumente und Museen an den Kampf der argentinischen Soldaten im Falkland-Krieg. Der Schlachtruf „Las Malvinas son Argentinas“ („Die Falklandinseln sind argentinisch“), ist hier allgegenwärtig: Er prangt auf Schlüsselanhängern im Supermarkt, auf Bierdeckeln und sogar auf einem großen Schild in der Ankunftshalle des kleinen Flughafens.

Der Dauerstreit um die „Malvinas“ (argentinisch) beziehungsweise Falklandinseln (britisch) reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1833 beanspruchte das Vereinigte Königreich die karge Inselgruppe knapp 400 Kilometer vor der Küste von Feuerland für die britische Krone und errichtete einen Flottenstützpunkt. Argentinien, das erst kurz zuvor seine Unabhängigkeit von Spanien erkämpft hatte, konnte die Briten nicht daran hindern.

1982 fiel die argentinische Militärjunta auf den Inseln ein, woraufhin die britische Premierministerin Margaret Thatcher die Royal Navy ans andere Ende der Welt entsandte. Der Krieg dauerte 74 Tage, insgesamt verloren 900 Menschen ihr Leben. Die in Argentinien von Zehntausenden zuvor begeistert gefeierte Besetzung der Insel endete in einem Debakel und läutete das Ende der gewalttätigen Militärdiktatur (1976 – 1983) ein. Thatcher wurde dagegen als „Iron Lady“ in ihrer Heimat enorm populär.

Für viele Argentinier bleibt der Konflikt ein hochemotionales Thema, er gilt als Fortsetzung des eigenen Unabhängigkeitskampfes gegen europäische Kolonialmächte. Bis heute ist sich die tief gespaltene argentinische Gesellschaft einig: „Die Malvinas waren, sind und werden immer argentinisch sein“, wie Präsident Javier Milei erst in dieser Woche in den sozialen Medien schrieb.

Welche Rolle spielt Trump?

Im Gegenzug für eine US-Basis könnte die argentinische Regierung nun die Unterstützung Washingtons in der Falkland-Frage einfordern. Die Spekulationen sind so weit gediehen, dass inzwischen Nachrichtenagenturen unter Berufung auf E-Mails aus dem Pentagon ein solches Szenario für denkbar halten. Die Zukunft der Inseln soll auch beim US-Besuch von König Charles in dieser Woche zur Sprache gekommen sein.

Zuvor hatte bereits die britische Außenministerin Yvette Cooper auf Spekulationen reagiert, Washington könnte seine pro-britische in eine pro-argentinische Position verändern: „Die Falklandinseln sind britisch: Die Souveränität liegt beim Vereinigten Königreich, und das Selbstbestimmungsrecht liegt bei den Inselbewohnern.“ Tatsächlich hatte die britische Regierung 2013 ein Referendum auf den Inseln durchgeführt, bei dem 99,8 Prozent der (britischen) Bewohner für einen Verbleib im Königreich gestimmt hatten.

Allein die Tatsache, dass sich die britische Regierung äußert, zeigt, dass das Thema in London ernst genommen wird. Vor allem, da US-Präsident Donald Trump sich in den vergangenen Wochen mehrfach enttäuscht über den fehlenden Beistand Großbritanniens im Iran-Krieg beschwert und das transatlantische Bündnis offen infrage gestellt hatte. Eine US-Unterstützung für Argentiniens Anspruch auf die „Malvinas“ wäre auch insofern typisch für Trump, da in den umliegenden Gewässern erst 2010 große Ölfelder entdeckt wurden, die noch nicht bewirtschaftet werden.

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Ein Gebäude der argentinischen Militärbasis in Ushuaia. 

„Entkolonialisierung“

Die Falkland-Frage ist aber auch geeignet, einen Spalt zwischen Europa und Lateinamerika zu treiben. Stellen sich die Europäer hinter London, würde das in Lateinamerika – wo traditionell die argentinische Forderung unterstützt wird – nicht gut ankommen. Und vielleicht auch die Haltung der mit den USA befreundeten lateinamerikanischen Staaten in der Grönland-Frage ändern: Denn über allem steht aus lateinamerikanischer Sicht die Frage einer „Entkolonialisierung“ von den europäischen Monarchien. Großbritannien wird zwischen Mexiko und Feuerland immer noch als Nachfahre der Kolonialmächte wahrgenommen, die vor den Toren Argentiniens nichts zu suchen hätten.

Die „Malvinas“ sind deshalb auch in der Hauptstadt Buenos Aires, ganze 3.000 Kilometer nördlich von Ushuaia, Thema. Auch hier sind Häuserwände mit dem Umriss der Inseln besprüht, auf aktuellen Plakaten der Milei-Bewegung heißt es in Anspielung auf den Konflikt: „Das argentinische Volk war und wird immer anti-imperialistisch sein.“

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