Pressestimmen: "Erdogans Schmerzgrenze liegt niedriger als Putins"

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan bei einer Pressekonferenz.
Internationale Pressestimmen im Vorfeld von Erdogans Russland-Besuch.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan reist an diesem Dienstag zu Gesprächen mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin nach St. Petersburg. Das Treffen soll eine monatelange schwere Krise zwischen den Ländern endgültig beenden. Die Türkei hatte Ende November ein russisches Kampfflugzeug im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen (mehr dazu lesen hier).

" Süddeutsche Zeitung"
Dieser Vorfall (Anm.: der Abschuss des russischen Su-24 Kampfjets) hatte die Spannungen im türkisch-russischen Verhältnis ausgelöst. Türken und Russen haben beide einen hohen Preis dafür gezahlt. Dass am Ende die Türkei einlenkte, hat damit zu tun, dass ihre Schmerzgrenze niedriger liegt. (Link)

"Tages-Anzeiger" ( Zürich):
"In Washington wird diese Entwicklung mit großer Sorge betrachtet. Vom viel gepriesenen strategischen Partner Türkei ist nicht mehr viel Partnerschaft zu erwarten, und Erdogans strategische Ziele liegen im Nebel. Der nach Ankara entsandte US-Generalstabschef Joseph Dunford wurde von Erdogan mit der Unterstellung auf die Heimreise geschickt, dass der Plan für den Putschversuch "außerhalb" der Türkei, sprich in den USA, geschrieben worden sei. (...) Die US-Regierung ist jedenfalls zerrissen im Umgang mit der Türkei: Zwar gab es in der Geschichte durchaus undemokratische Mitglieder der NATO, aber immer haben sich die internen Zustände gebessert - eine wichtige Voraussetzung für eine Mitgliedschaft. Noch nie aber wurde ein Bündnispartner weniger demokratisch."

"Dernieres Nouvelles d'Alsace" ( Straßburg):
"Die Achse Moskau-Ankara ist ein opportunistisches Konstrukt, das die Europäische Union schwächen soll. Je mehr sich Erdogan vom Westen entfernt, desto mehr umwirbt ihn Putin. Der russische Präsident ist überglücklich, den Einfluss der USA auf die Strukturen der türkischen Armee schwächen zu können. Erdogan und Putin verstehen sich glänzend - zumindest wenn es darum geht, die Politik nach ihren eigenen Bedürfnissen umzuformen. Diese Demonstration der Stärke zielt genauso auf uns ab wie auf die türkische und die russische Bevölkerung. Ein Grund mehr, ihr nicht nachzugeben."

" Tagesspiegel"
"Da die Visite in die Zeiten eskalierender Spannungen zwischen Erdogan und dem Westen fällt, stellt sich die Frage, ob hier eine neue Allianz entsteht. Vieles spricht dagegen – bedeutsam ist Erdogans Visite, weil sie das Signal für eine neue türkische Außenpolitik ist. (...) Doch der gemeinsame Argwohn gegen Europa und USA allein genügt nicht als Basis für ein starkes Bündnis zwischen Ankara und Moskau. Im Syrien-Konflikt etwa stehen die beiden Länder auf verschiedenen Seiten."

" Stuttgarter Zeitung":
"Bei aller berechtigten Kritik an Erdogans Machtgebaren bleibt die Türkei für den Westen ein unersetzlicher Partner. Dieses Land könnte eine Brücke sein zwischen Europa und Asien, Moderator des Dialogs mit dem Islam. Es bildet einen Puffer gegen Gewalt und Terror im Nahen Osten. Seit Monaten spielen die Türken Grenzwächter für die von der Flüchtlingskrise überforderte EU. Wegen der drei Millionen Deutschtürken liegt Anatolien für die deutschen Bundesbürger vor der Haustür."

"de Volkskrant" ( Amsterdam):
"Er will damit demonstrieren, dass er Amerika und Europa nicht per se nötig hat. Notfalls kann ich den Westen durch Russland ersetzen - das ist sein unausgesprochene Botschaft. Das Problem für Erdogan ist nur: Jedermann weiß, dass es nicht stimmt. Die Amerikaner wissen es, die Russen wissen es und auch die Türken selbst wissen es. Sie kennen ihre Wirtschaftsdaten, aus denen hervorgeht, dass mit Europa fast die Hälfte des Außenhandels abgewickelt wird, dass drei Viertel der ausländischen Investitionen, die von der Türkei dringend gebraucht werden, aus Europa kommen. Sie verstehen, dass ihre Sicherheit letztendlich durch die NATO-Charta garantiert wird und nicht durch den geopolitischen Zynismus des Kremls."

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