Die 10 vergessenen Krisen 2025: Wenn die Welt wegschaut
In den vergangenen drei Saisonen hat Buumba fast nichts geerntet. „Es wird immer heißer, und der Regen kommt entweder zu spät oder zu stark“, schildert die Kleinbäuerin aus Sambia. „Es gibt kein normales Wetter mehr.“
Dabei hängt für Millionen Menschen in dem bitterarmen Binnenstaat im südlichen Afrika alles davon ab. Rund 60 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Die Folgen des Klimawandels treffen sie mit voller Wucht: Nach langen Trockenperioden ist der Boden oft so ausgedörrt, dass er Starkregen nicht aufnehmen kann. Immer wieder brechen Dämme, Felder werden überflutet, ganze Ernten vernichtet – und mit ihnen die Lebensgrundlagen der Sambier. Mehr als 1,2 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, 5,5 Millionen gelten als notleidend.
In den internationalen Medien kommt ihr Leid jedoch kaum vor. Zwischen 1. Jänner und 30. September 2025 sind lediglich 2.980 Artikel zur humanitären Krise in Sambia erschienen. Das zeigt eine Datenanalyse des globalen Medienbeobachtungsdienstes Meltwater im Auftrag von Care. Der Krisenreport der Hilfsorganisation erscheint heute zum zehnten Mal. Ausgewertet wurden dafür Beiträge aus rund 345.000 Online-Medien in fünf Sprachen. Insgesamt flossen fünf Millionen Artikel in die Analyse ein.
Langer Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik
Angeführt wird die Liste der vergessenen Krisen von der Zentralafrikanischen Republik. Gerade einmal 1.532 Artikel wurden dazu im Untersuchungszeitraum publiziert. Zum Vergleich: Über den Tiktok-Shutdown wurde im selben Zeitraum 445.342 Mal berichtet, über die Mega-Hochzeit von US-Milliardär Jeff Bezos in Venedig ganze 96.927 Mal.
Dabei ist die Lage in der Zentralafrikanischen Republik dramatisch: Seit 2013 tobt dort ein blutiger Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Rebellengruppen. Die Folgen für die Bevölkerung sind kaum auszumalen: Angriffe (auch auf Schulen und Krankenhäuser), Vertreibung, Hunger sowie (sexualisierte) Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Mädchen. Obwohl das Land eigentlich über bedeutende Rohstoffvorkommen wie Gold und Uran verfügt, leben mehr als 80 Prozent der Menschen in Armut; jeder Fünfte ist auf der Flucht. Fast die Hälfte der Bevölkerung – 2,4 Millionen Menschen – ist auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Dahinter folgt Namibia (2.379 Artikel), das 2024/25 unter der schlimmsten Dürre seit 100 Jahren litt. Die Weizenernte zwischen Oktober und März brach um 84 Prozent ein. Für die mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, die in der Landwirtschaft tätig sind, ist das existenzbedrohend. Bis März 2025 hatten rund 1,3 Millionen Menschen in dem südafrikanischen Land keinen gesicherten Zugang zu Nahrung.
43 Mio. Betroffene in zehn Ländern
„Das sind keine kleinen Notfälle, sondern massive Krisen“, betont Care-Österreich-Geschäftsführerin Andrea Barschdorf-Hager bei einer Online-Pressekonferenz am Dienstag. Insgesamt sind 43 Millionen Menschen von den zehn vergessenen Krisen 2025 betroffen.
Die fehlende mediale Aufmerksamkeit sei dabei nicht nur wegen mangelnden politischen Lösungswillens und unzureichender Finanzierung fatal. „Gesehen zu werden, ist eine Frage der Würde“, so Barschdorf-Hager. Da jedoch die Zahl der humanitären Krisen in der Welt insgesamt steigt, „konkurrieren“ sie stärker um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
Für 2026 rechnen die Vereinten Nationen damit, dass weltweit 239 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sein werden – während die internationalen Mittel dafür massiv zusammengestrichen worden sind. Besonders dramatisch ist der Wegfall der US-Hilfe. Viele Jahre waren die USA mit fast 40 Prozent der weltweiten Hilfe der größte Geldgeber.
Hans Das, stellvertretender Generaldirektor und Chief Operations Officer für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission, spricht daher vor Journalisten von einem „besonders schwierigen Moment“. Das Budget für humanitäre Hilfe der EU beläuft sich auf 1,9 Milliarden Euro. Ziel sei es, 15 Prozent davon für vergessene Krisen aufzuwenden, im Vorjahr waren es 27 Prozent.
Gaza und Ukraine
Die mit Abstand meistberichtete Krise 2025 war der Gazakrieg. Das sei unter anderem mit der historischen und wirtschaftlichen Verflechtung Europas mit der Region erklärbar, sagt Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland. Auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine erhielt große Aufmerksamkeit – unter anderem wegen der geografischen Nähe und der Geflüchteten in Europa. Doch selbst diese Krisen könnten aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden, warnt er: „Anzeichen dafür sehen wir bereits in der Ukraine.“
Dass acht der zehn vergessenen Krisengebiete 2025 – mit Ausnahme von Honduras und Nordkorea – in Afrika liegen, überrascht Charlene Pellsah Ambali nicht. Sie ist stellvertretende Länderdirektorin von Care Simbabwe. „Unsere Krisen sind langwierig und komplex und kommen deshalb oft nicht in die Schlagzeilen. Wenn sie über Jahre andauern, verlagert sich die Aufmerksamkeit auf andere Themen.“
Aufforstung in Madagaskar
Dabei würden sich bestehende Konflikte – insbesondere im Süden des Kontinents – durch den fortschreitenden Klimawandel noch massiv verschärfen, warnt sie. „Die Menschen erleben ihn hautnah“, etwa wenn Wirbelstürme oder Fluten Häuser, Schulen und Felder zerstören – und damit über Jahre mühsam erarbeitete Fortschritte zunichtemachen. Kinder können nicht mehr lernen, Familien verlieren ihre Lebensgrundlage und müssen ihre Heimat verlassen.
Frauen und ältere Menschen besonders stark betroffen
In Sambia trifft die Klimakrise vor allem Frauen und ältere Menschen, die von der Landwirtschaft leben, wird in dem Report gewarnt. Maßnahmen zur Anpassung gegen den Klimawandel sind unerlässlich: etwa Schulungen in den Bereichen klimaresiliente Landwirtschaft oder Aufforstung als Schutz vor Bodenerosion.
Im Rahmen eines Care-Projekt erhielt die Kleinbäuerin Buumba Saatgut für orangefarbenen Mais – eine klimaresistentere Sorte, reich an Vitamin A. „Unser weißer Mais ist zerstört, aber der orangefarbene hat uns gerettet.“
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