Die WM, ins Abseits geschossen
So viel Zuneigung: Gianni Infantino und Donald Trump nutzen einander sehr.
Dass gerade Sepp Blatter den Kopf über seinen Nachfolger bei der FIFA schüttelt, spricht für sich. „Ich weiß wirklich nicht, ob Trump oder Infantino mein Nachfolger ist“, sagte der 89-Jährige in einem Interview. Ausgerechnet Blatter, der Weltmeisterschaften an Russland und Katar vergab – und der den Duft des Korruptionisten nie los wurde.
Selten war das größte Sportereignis der Welt politischer. Das will angesichts der vorangegangenen Austragungsorte etwas heißen: Gianni Infantino, der die Geschäfte des Fußball-Weltverbands seit zehn Jahren als Quasi-Alleinherrscher führt, hat schon immer die Nähe vieler Staatsmänner gesucht. Seine Nähe zu Donald Trump ist aber beispiellos. Welche Folgen hat das für einen Sport, der sich gern neutral gibt?
Der KURIER beleuchtet die größten politischen Kritikpunkte rund um die WM.
Trump und Infantino sind „best buddies“, der FIFA-Chef hofiert den US-Präsidenten, etwa mit dem „Friedenspreis“. Was bringt das beiden?
Begonnen hat die „Bromance“ schon in Trumps erster Amtszeit, als die Vergabe der WM 2026 über die Bühne ging. Für Trump ist der Nutzen klar: Im US-Sport – neben Hollywood die Königsklasse kulturellen Einflusses in Amerika – sammelte Trump viele Minuspunkte: Sportgrößen wie Ex-NFL-Star Colin Kaepernick, NBA-Star LeBron James und Frauenfußball-Ikone Megan Rapinoe sind einige der lautesten Gegner Trumps.
Colin Kaepernick (Mitte) hat sich gegen Trump gewandt – und erhielt eisigen Gegenwind.
Infantino bietet Trump nun mit der WM die Bühne, die ihm sonst verweigert wird. Schon im Vorlauf schmeichelte der Schweizer dem Commander in Chief, wo es ging: Er brachte ihm mit den Worten „der Pokal ist nur für Gewinner. Und Sie sind ein Gewinner“ die WM-Trophäe ins Oval Office, erfand eigens für ihn einen „FIFA-Friedenspreis“, weil seinem Buddy der Friedensnobelpreis vorenthalten wurde.
Auch politisch benutzt Trump das Turnier. „Unkooperativen“ Gastgeberstädten wie dem demokratischen Boston drohte er neben dem Einsatz von Nationalgarde und ICE auch mit einem Anruf bei Infantino, um sie flugs als Austragungsort zu streichen. „Er würde es machen“, sagte Trump, wie um zu beweisen, wer hier der Chef ist.
Ich habe Glück, Donald Trump ist ein Freund. Er sagt, was er denkt, er hält, was er verspricht.
Für Infantino macht sich die Schmeichelei umgekehrt bezahlt, weil er Einfluss über die Welt des Sports hinaus erlangt. Trump hievte ihn als FIFA-Vertreter in seinen „Friedensrat“, der sonst nur Staatenlenkern vorbehalten ist. Infantino versprach daraufhin, 75 Millionen Dollar in den Aufbau von Trumps „Gaza-Riviera“ zu investieren. Woher das Geld kommen soll, ist bis heute nicht durchsichtig. Bei der FIFA gibt es auf KURIER-Nachfrage keine klare Auskunft.
Problematisch scheint man diese politischen Verstrickungen beim Weltverband nicht zu finden. Im Gegenteil. Dort rühmt man sich dafür, Fußball – und damit eine willkommene Ablenkung und körperliche Betätigung – in einer Region zu ermöglichen, die viel Leid erleben musste.
Die FIFA hatte ein „Wirtschaftswunder“ durch die WM versprochen, nun sieht es aber nach Flaute aus. Woran liegt das?
30 Milliarden Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung allein in den USA, 180.000 neue Jobs, 40 Prozent Besucher aus dem Ausland: Das versprach die FIFA für die WM. Vier Wochen vor dem Start sieht man davon wenig: In fast allen Austragungsorten liegen die Buchungen unter dem Vorjahresniveau, in New York ist die Auslastung sogar nur bei mauen 18 Prozent.
Diese Flaute haben sich die USA selbst zuzuschreiben: Zum einen gelten absurde Einreiseregeln; man muss sein volles Social-Media-Profil und alle Daten zur eigenen Familie offenlegen, dazu alle Telefonnummern und Mailadressen der letzten Jahre. Handys können jederzeit gefilzt werden, wer Kritisches darauf hat, landet mitunter auch im Abschiebegefängnis.
Anderen wird die Einreise gleich ganz verunmöglicht. Menschen aus Haiti etwa dürfen nicht in die Staaten, und ob der Iran als Trumps Kriegsgegner teilnehmen kann bzw. wird, ist völlig unklar.
Dazu kommt, dass Fans aus 50 Ländern – darunter der Senegal, die Elfenbeinküste, Tunesien und Algerien, deren Mannschaften auch mitspielen – eine Kaution von bis zu 15.000 Dollar bei der Einwanderungsbehörde hinterlegen müssen. Die bekämen sie zwar bei der Ausreise zurück, aber allein der Betrag hält viele von einer Reise ab.
Kritiker werfen den USA und der FIFA vor, damit ein WM-Publikum nach ihrem Geschmack zu kreieren. Die Fanorganisation „Fairness United“ etwa spricht vom „Hochglanzprodukt WM“, bei dem ja „keine prolligen, grölenden oder gar betrunkenen Fußballfans durchs Bild laufen“ sollen. Und gleich 120 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter Amnesty International, haben wegen der Gefahr von Menschenrechtsverletzungen und den strikten Einreiseregeln eine informelle Reisewarnung ausgegeben. Selbst Jogi Löw, Deutschlands einstiger Bundestrainer, sagt: „Wir hatten schon vor der WM 2018 in Russland Debatten, Boykottaufrufe vor der WM 2022 in Katar. Aber in einem Land zu spielen, das sich gerade aktiv im Krieg befindet, ist noch einmal gefährlicher.“
Wie rechtfertigt die FIFA die Ticketpreise und welche Folge haben sie?
Und noch einen Beinamen hat sich das Turnier bereits erarbeitet: „Die WM der oberen zehn Prozent“. Denn so teuer wie heuer waren WM-Tickets noch nie. Das sorgt auch bei Fans in Österreich für großen Ärger, wird aber vor allem auch dazu führen, dass die lokale Bevölkerung, für die man ja ein „Fußballfest“ versprochen hatte, von der Party weitgehend ausgeschlossen ist. Die Befürchtung von halbleeren Stadien ist längst im Raum, die Hoteliers klagen. Selbst Trump sagte kürzlich über die bei 1.000 Dollar beginnenden Ticketpreise beim Auftaktspiel der USA gegen Paraguay am 12. Juni: „Um ehrlich zu sein, ich würde diesen Preis auch nicht zahlen.“
Bei der FIFA gibt man sich entspannt. Die USA seien eben ein teures Pflaster. Und im Vergleich mit US-Sport sei die WM sogar noch günstig. Außerdem habe man eine eigene Ticketkategorie für die treuesten Fans der Nationalteams geschaffen – insgesamt 100.000 (von knapp 7 Millionen) Eintrittskarten gebe es um den Spottpreis von 60 Dollar. Erhältlich über die nationalen Verbände, für die Spiele der jeweiligen Teams.
Doch abseits dieser „Fan-Tickets“ beginnt die Willkür: Käufer ärgerten sich über nachträglich geänderte Kategorien in Stadien. In der ersten Runde der Ticketlotterie bekam man Plätze einer bestimmten Kategorie (entsprechende Ränge im Stadion) zugelost. In der zweiten Runde wurden dann plötzlich neue Kategorien hinzugefügt. Die erhaltene Kategorie kann also plötzlich schlechtere Plätze bedeuten.
Für Aufsehen sorgt zudem der Zweitmarkt: Wer in der frühen Phase Tickets erstanden hat, kann diese – je nach Nachfrage – auf einer offiziellen Plattform verkaufen. Horrende Summen entstehen – bis zu 2 Millionen Dollar für ein Finalticket, wie zuletzt bekannt wurde. Es kann am Ende sein, dass ein Fan neben einem anderen Platz nimmt, dessen Ticket ein Vielfaches von seinem gekostet hat.
Auf KURIER-Nachfrage rechtfertigt die FIFA das Vorgehen damit, dass Weiterverkauf in den USA und Kanada nicht verboten sei. Dass die FIFA auf ihrer „sicheren Plattform“ sowohl vom Käufer, als auch vom Verkäufer eine Gebühr von 15 Prozent erhält, findet man nicht weiter bemerkenswert. „Die Gebühren orientieren sich an den Branchenstandards“, so die Antwort. Ähnlich rechtfertigt man die variablen Preise, also dass Karten bei hoher Nachfrage teurer werden. „Preisanpassungen werden vorgenommen, um Verkäufe und Zuschauerzahlen zu optimieren“, heißt es.
Aber wehe dem, der glaubt, die FIFA wolle sich damit bereichern: „Im Gegensatz zu den Betreibern gewinnorientierter Ticketmarktplätze ist die FIFA eine gemeinnützige Organisation“, so deren Statement. Alle Einnahmen kämen wiederum dem Fußball zugute. Nein, nichts davon fließe in die Taschen von FIFA-Funktionären! Wie aber lässt sich erklären, dass sich das Millionengehalt des Verbandspräsidenten seit seinem Amtsantritt 2016 vervierfacht hat?
Kommentare