Für Touristen tut man in der Karibik so, als gäbe es kein Corona
„Regel Nummer eins: Keine Handys. Wer mit Smartphone erwischt wird, fliegt raus.“ Der kleine Mann im neongelben Muskelshirt steht auf einem Holztisch und macht viele Pausen, während er spricht. „Außerdem muss jeder heute Maske tragen, am besten so.“
Er zieht einen Mund-Nasenschutz aus der hinteren Hosentasche, schnallt sich die Gummizüge hinter die Ohren und bringt die Maske am Kinn an. „Wenn ihr die Maske so tragt, kann die Polizei nichts sagen.“ Wieder pausiert er. „Wir wollen doch, dass man auf Bocas weiterhin Spaß haben darf, oder?“
Bocas del Toro (auf Deutsch: Mäuler des Stieres) ist der Name einer malerischen Inselgruppe im Nordwesten Panamas, nur knapp 100 Kilometer östlich der Grenze zu Costa Rica. Das Wasser ist hier überall so flach und klar, dass man von oben die Fische sieht, die rund um die Korallen am Meeresboden leben. Vor den Inseln stehen bunt gestrichene Häuser auf Stelzen, die meisten davon Touristenunterkünfte.
Wer hier ein Zimmer mietet, darf damit rechnen, vom Balkon aus Faultiere beobachten zu können und frühmorgens von Brüllaffen geweckt zu werden. Oder von Partywütigen Touristen - trotz steigender Infektionszahlen und einer eigentlich gesetzlich festgelegten Ausgangssperre ab Mitternacht.
Für viele ist die berühmteste Attraktion der „Bocas“ inzwischen nämlich der sogenannte Filthy Friday: Eine wöchentlich stattfindende Party, die sich tagsüber über drei Standorte auf drei unterschiedlichen Inseln erstreckt. Über die sozialen Medien und Mundpropaganda hat sie unter Reisenden einen fast legendären Status erlangt. Die seitenlangen Vorgaben zur Masken- und Impfpflicht, denen man beim Online-Ticketkauf zustimmen muss, wecken dabei den Anschein von sorgsamen Sicherheitsvorkehrungen.
Die Inselgruppe Bocas del Toro ist prachtvoll. Trotz Omikron darf hier aber wild gefeiert werden.
Nun aber wartet eine Gruppe Ticketbesitzer in der schon am Vormittag heftigen Jännerhitze, ohne dass irgendjemand Impfnachweise kontrolliert hätte, und der Mitarbeiter im Muskelshirt führt auf dem Holztisch sein Maske-Kinn-Manöver vor und erteilt Handyverbot.
"Gringos" wollen die Pandemie vergessen
Gegenüber Touristen nimmt man es in Mittelamerika mit den Covid-Maßnahmen nicht immer ganz so genau. Selbst in Costa Rica, das als sicherstes Land der Region gilt. Dort muss man zwar vor der Einreise ein Impfzertifikat auf einer Regierungswebseite hochladen, doch auch Ungeimpfte mit Reiseversicherung sind willkommen.
Einreise: In Costa Rica und Panama muss man vor der Einreise Online-Formulare ausfüllen, über die man den eigenen Impfnachweis hochladen kann. In Panama wird von Ungeimpften ein negativer Test verlangt, in Costa Rica eine Reiseversicherung, die im Infektionsfall die Kosten des Krankenhausaufenthalts übernimmt
Maßnahmen: Seit 8. Februar gilt in Costa Rica offiziell eine Impfpflicht. Zuvor galt das schon für die meisten Orte des öffentlichen Lebens. In der Gastronomie gilt ab 22.00 Uhr Sperrstunde, die streng durchgesetzt wird. In Panama gilt sie ab Mitternacht, wird aber nicht immer eingehalten
Im Land lebt es sich dann aber meist so, als gäbe es diese Regel nicht. Der Zutritt zu öffentlichen Einrichtungen, wozu auch die vielen Nationalparks zählen, ist laut Gesetz nur Geimpften gestattet, beim Einlass wird aber nur höflich gefragt, Dokumente will niemand sehen.
Spricht man mit anderen Reisenden, wird schnell klar, dass viele von ihnen die lateinamerikanische Lockerheit schätzen. „Der Corona-Wahnsinn erdrückt einen hier nicht so sehr wie zu Hause“, meint ein Kanadier etwa. Er habe die ständigen Lockdowns und die strenge Maskenpflicht satt, sagt er. So geht es den meisten „Gringos“: Sie kommen in die Karibik, um die Pandemie für einen Moment vergessen zu können.
Es ist ein Spagat, für Reisende attraktiv bleiben zu wollen und gleichzeitig die eigene Bevölkerung zu schützen. Die Einheimischen halten sich nämlich durchaus an die Regeln. Sie tragen im Bus, im Supermarkt, manchmal sogar im Freien Maske. Lugt je eine Nase hervor, gehört sie in den meisten Fällen zu einem westlichen Gesicht.
In Costa Rica darf man nur geimpft in Nationalparks – eigentlich.
Panama hat aufgeholt
2021 kamen mehr als 1,3 Millionen Touristen nach Costa Rica, nicht einmal halb so viele wie vor der Pandemie. Seit dem Sommer steigen die Zahlen aber rasant, alleine im Dezember kamen wieder mehr als 200.000 Menschen.
In Panama sieht die Lage anders aus. Seit Jahren versucht das südlichste Land Mittelamerikas, den beliebteren Nachbarn bei den Touristenzahlen einzuholen. Mit mehr als zwei Millionen Besuchern hat man es im vergangenen Jahr endlich geschafft.
Das mag daran liegen, dass Panama seit Jahren viel versucht, um auf Ausländer genau so sicher zu wirken wie Costa Rica. Auf den „Bocas“ patrouilliert die Polizei fast im Minutentakt durch die Straßen, wenn auch nur, um Zettel mit Informationen zu Taschendieben und Anleitungen zum richtigen Händewaschen zu verteilen.
Erst abends wird der Unterschied klar: Während Costa Rica die Sperrstunde um 22.00 Uhr nämlich rigoros durchsetzt, darf in Panama weitergefeiert werden. Zu magnetisch wirken die Strand- und Inselparties auf Reisende. Auch wenn Foto- und Videoaufnahmen verboten sind – und die Maske am Kinn bleiben muss.
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