Meloni, Le Pen, Weidel – das "weibliche Antlitz des Rechtspopulismus'"

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In Frankreich, Deutschland und Italien sind Frauen die Frontfiguren von rechtsextremen Parteien, die traditionell überwiegend von Männern gewählt wurden. Warum haben sie Erfolg?

In Frankreich, Deutschland und Italien sind jeweils Frauen die Frontfiguren von rechtsextremen Parteien, welche traditionell überwiegend von Männern angeführt und gewählt wurden. Die in Berlin lebende französische Schriftstellerin und Journalistin Cécile Calla ist Co-Autorin einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie über das Erfolgsrezept dieser drei europäischen Spitzenpolitikerinnen, deren unkonventionelle Lebensentwürfe nicht zu den Familienidealen ihrer Parteien passen.


KURIER: Der Rassemblement National (RN), die Alternative für Deutschland (AfD) und die Fratelli d’Italia sind rechtsnationalistische Parteien, die jeweils von einer Frau dominiert werden. Welche Gemeinsamkeiten haben Marine Le Pen, Alice Weidel und Giorgia Meloni?

Cécile Calla: Alle drei sind rhetorisch sehr begabt und erfolgreich hinsichtlich ihrer Kommunikation. Ob im Parlament, in einer Talkshow oder in den sozialen Medien, ihre markanten Aussagen oder Reden werden wahrgenommen und verbreiten sich schnell. Marine Le Pen zum Beispiel hat auf Plattformen wie Instagram viel mehr Follower als der französische Premierminister Sébastien Lecornu. Ihre jeweiligen Parteien sind traditionell eher männlich geprägt, sowohl hinsichtlich der Mitglieder und des Führungspersonals als auch der Wähler.

Doch das ändert sich: In Frankreich stimmen inzwischen genauso viele Frauen wie Männer für das RN, in Italien ist es ähnlich, während die AfD immer noch deutlich mehr männliche Wähler anzieht. Alle drei Politikerinnen eint, dass sie in Parteien hoch gekommen sind, die ein traditionelles Familienbild pflegen, dem sie selbst überhaupt nicht entsprechen.

Inwiefern? Und wie passt das eigentlich zusammen?

Le Pen ist zweimal geschieden und war alleinerziehende Mutter von drei Kindern, Meloni war nie verheiratet und erzieht ihre Tochter allein, Weidel lebt mit ihrer Frau, die aus Sri Lanka kommt, in der Schweiz und gemeinsam haben sie zwei Söhne. Das steht jeweils im Widerspruch zur heteronormativen Familie, die ihre Parteien als Ideal bewerben. Doch die Wählerinnen und Wähler scheint das nicht zu stören. Sie erkennen wohl längst an, dass es verschiedenste Lebensmodelle gibt. Für die Parteien kann es sogar ein Vorteil sein, mit Verweis auf ihre Frontfrauen und deren Lebensformen zu zeigen, wie vermeintlich liberal und modern sie sind. Auf eine paradoxe Weise haben alle drei Politikerinnen vom Feminismus profitiert.

Sind Marine Le Pen, Alice Weidel und Giorgia Meloni denn Feministinnen?

Meloni und Weidel würden das nicht von sich behaupten, Marine Le Pen aber durchaus. Alle drei instrumentalisieren sexualisierte Gewalt gegen Frauen für ihre politische Agenda. Le Pen ging dabei am weitesten. Nach der Silvesternacht in Köln 2015/2016, bei der es zu zahlreichen sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen kam, schrieb sie in einem Zeitungsbeitrag, sie „habe Angst, dass die Migration den Anfang vom Ende der Frauenrechte darstellt“.

Das war der Beginn dessen, was man im akademischen Jargon als femino-nationalistische Wende bezeichnet: Anstatt sich dafür zu engagieren, dass Frauen frei über ihren Körper verfügen können, ging es darum, den Körper der Frauen vor den „fremden Barbaren“ zu schützen. Le Pen war dabei durchaus erfolgreich: 2022 sagten in einer Umfrage rund die Hälfte der Französinnen, sie sei eine Feministin.

Schlägt sich das auch in ihrer Politik nieder?
Wenn man sich das Programm der letzten Wahl ansieht, ist das in Sachen Frauenrechte dürftig. Es gibt kaum Vorschläge zur Prävention von Gewalt gegen Frauen, aber natürlich zur Fruchtbarkeit, einem klassischen Thema der Rechten und Rechtsextremen. Auch im EU-Parlament oder der französischen Nationalversammlung trug das RN Gesetze meistens nicht mit, die mehr Gleichstellung in der Wirtschaft oder das Recht auf Abtreibung in der gesamten EU forderten. Nur beim Thema Abtreibungsrecht hat sich Le Pens Position verändert. Als in Frankreich 2024 das Recht auf Abtreibung in die Verfassung aufgenommen wurde, haben auch einige aus ihrer Partei und sie selbst zugestimmt. Das ist ein großer Unterschied zu Weidel und Meloni.

Ist es ein Vorteil, als Frau in einer rechtsextremen Partei Politik zu machen?

Ja, denn harte Botschaften kommen milder an, wenn Frauen sie aussprechen. Oft herrscht noch das Klischee vor, dass sie das weiche Geschlecht seien. Sie werden weniger ernst genommen. Deshalb erscheinen sie mitunter wie das „freundliche Gesicht“ einer Partei und nutzen das auch aus.

Founding congress of new AfD party youth wing in Giessen

AfD-Frontfrau Alice Weidel

Zu Melonis politischer Kommunikation gehört es, sich mit ihrer Tochter zu zeigen, auch Le Pen hat ausgiebig über ihre familiäre Situation erzählt und sogar eine TV-Journalistin zu sich nach Hause eingeladen. Weidel schottet ihr Privatleben hingegen ab. Sie tritt sehr sachlich und ernst auf, stets in einer Art Uniform mit Bluse, Perlenkette, Sakko. Allerdings gehört die Personalisierung auch weniger zur politischen Kultur Deutschlands.

Warum gibt es trotz ihrer Gemeinsamkeiten wenig Austausch zwischen den drei Politikerinnen?

Sie haben eine nationalistische Haltung und setzen weniger auf internationale Allianzen. Meloni ist an der Macht und gehört als Ministerpräsidentin zu den wichtigsten politischen Persönlichkeiten Europas, während sich Le Pen und Weidel in der Opposition befinden. Beim Berufungsprozess 2026 gegen Le Pen wegen der Veruntreuung von EU-Geldern wird sich entscheiden, ob sie bei der Wahl 2027 kandidieren darf. Wenn nicht, springt ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella ein. Was Le Pens Verhältnis zu Weidel angeht, so kommt in Frankreich die Verbindung zu einer Partei wie der AfD nicht gut an, die bestimmte Ideen aus der Zeit des Nationalsozialismus propagiert. Le Pen setzt auch auf die Zustimmung von jüdischen Wählerinnen und Wählern. Durch eine zu große Nähe zur radikaler auftretenden AfD würde sie riskieren, viele Anhänger zu verlieren.

Cecile Calla

Cecile Calla

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