EU-Forschungskommissarin Mariya Gabriel

© EPA/STEPHANIE LECOCQ

Interview
04/07/2021

War die EU mit ihrer Impfstrategie zu langsam, Frau Kommissarin?

Warum EU-Forschungskommissarin Mariya Gabriel glaubt, dass Europa für die nächste Pandemie besser gerüstet ist und wo die Mängel bei Corona bisher lagen.

von Ingrid Steiner-Gashi

Im Kampf gegen gefährliche Coronavirus-Varianten stellt die EU-Kommission der Forschung 123 Millionen Euro zur Verfügung. Das Geld aus dem Forschungsprogramm „Horizont Europa“ soll dafür sorgen, dass den kurz- bis mittelfristigen Bedrohungen durch Mutanten begegnet werden kann. „Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um für die Zukunft gerüstet zu sein, von der Früherkennung der Varianten bis zur Durchführung und Koordinierung klinischer Studien für neue Impfstoffe und Behandlungsmethoden“, sagte die zuständige EU-Kommissarin Mariya Gabriel.

KURIER: Wir haben in Europa noch immer zu wenig Impfstoffe. Hätten wir früher reagieren und mehr Geld in die Forschung investieren müssen?

Mariya Gabriel: Die Pandemie ist nicht vorüber, aber wir diagnostizieren jetzt schneller, behandeln besser und impfen in allen EU-Ländern. Ohne die großartige Arbeit unserer Wissenschaftler hätten wir das alles nicht in dieser Rekordzeit geschafft.

Die EU-Kommission hat das erste Covid-19 Forschungsprogramm bereits am 30. Jänner 2020 gestartet. Seither wurde mehr als eine Milliarde Euro noch aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 (EU-Budget 2014-20) für Corona-Virus-Diagnose- und Impfstofferforschung angeschoben, die Mitgliedstaaten haben zusätzlich investiert. Zusätzlich investierte die Kommission 2,9 Milliarden Euro in die Entwicklung der Produktionskapazitäten auf Basis unserer Vorverkaufsverträge mit den Impfstofffirmen.

Die EU-Staaten haben auch investiert..

Genau, nicht zu vergessen ist der Preis, den die Staaten für den Kauf der Impfstoffe zahlen – das bringt uns insgesamt auf die Summe von rund 30 Milliarden Euro. Letztlich haben wir ein breites Portfolio von erfolgreichen Impfstoffen mit verschiedenen Technologien ermöglicht.

Die 41-jährige gebürtige Bulgarin ist EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend. Die sprachgewandte Politikerin gehört der bulgarischen Regierungspartei GERB an. Ehe sie in Mai 2017 in die EU-Kommission in Brüssel geholt wurde, war sie acht Jahre lang Abgeordnete im EU-Parlament.

Aber die USA waren dennoch erheblich schneller..

Die USA konnte auf schon existierende Strukturen der Gesundheitsbehörden (BARDA) zurückgreifen: Das gab es auf der Ebene der EU nicht. Wir haben diesen Mangel erkannt, und deswegen arbeiten wir jetzt an einer neuen Behörde für Notfallvorsorge und -Reaktionen (HERA): Damit sind wir für die Zukunft besser gerüstet. Diese neue Behörde wird neue biomedizinische Produkte entwickeln und schnellere Antworten auf Gesundheitsnotstände liefern.

Sind wir also auf die nächste Pandemie besser vorbereitet?

Vorbereitet zu sein ist ein fortdauernder Prozess, aufbauend auf den gelernten Lektionen. Wir haben die Engpässe identifiziert, aber auch Möglichkeiten, die medizinischen Gegenmaßnahmen im Kampf gegen die Pandemie zu beschleunigen. Und wir haben das Covid-19 Data-Portal errichtet – es enthält die neuesten verfügbare Daten zu Covid-19, es ist offen zugänglich, jeder Forscher kann seine Daten hochladen. Seit seiner Eröffnung im Vorjahr kamen 3,6 Mio. Webanfragen.

Wie viel Geld wird künftig in die medizinische Forschung in Europa gehen?Das neue Forschungs- und Entwicklungsprogramm im EU-Budget wird 95,5 Milliarden Euro umfassen. Das bedeutet eine Steigerung von 30 Prozent gegenüber dem früheren Programm. Das dabei für den Gesundheitsbereich geplante Volumen beträgt 8, 14 Milliarden Euro. Zusätzlich wird die medizinische Forschung durch den Europäischen Forschungs-Rat (ERC) und den Europäischen Innovation-Rat (EIC) unterstützt. Ein Beispiel: Für den Kampf gegen die Pandemie hat der EIC 72 Unternehmen insgesamt 314 Millionen Euro an Krediten zur Verfügung gestellt.

Wir haben brillante Forscher in Europa, aber kein google, Apple, Alibaba. Brauchen wird ein europäisches Google?

Wir haben kein Problem mit Start-ups. Mit 140.000 davon gibt es in Europa mehr als in den USA. Unser Problem liegt darin, dass zu wenige Start-ups zu Scale-ups werden…also Unternehmen, die sich etablieren können. Nach Bevölkerungszahl gemessen haben die USA dabei vier Mal mehr davon als die EU. Das Risikokapital in der EU ist vier bis fünf Mal niedriger als in den USA, und das spiegelt sich bei den „Unicorns“ wider (Start-up-Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarden Euro).

USA und China weisen je 45 Prozent davon auf, die EU nur 7,2 %. Bei Tech-Riesen sieht es noch schlimmer aus. Die Folge dieses Mangels an Unicorns und Tech-Riesen ist die technologische Abhängigkeit.

Aber es gibt dennoch Hoffnung für Europa. Eine neue Welle der Innovation in Deep-Tech baut sich auf. Die künftigen Unicorns und Tech-Giganten werden auf Deep-Tech basieren, das an der Kreuzung steht zu synthetischer Biologie, Künstlicher Intelligenz und neuen Materialien. Alles beruht auf Wissenschaft. Deswegen hat Europa nun die Möglichkeit, seine Führung in der Wissenschaft zu einer Führung der neuen disruptiven Deep-Tech-Innovationen auszubauen.

Wenn wir kein europäisches Google brauchen. Was dann? Wo liegen Europas Stärken bei der Forschung?

Wir brauchen vor allem einen Katalysator: Der Europäische Innovationsrat (EIC) versucht unsere talentiertesten Innovatoren auf eine globale Ebene zu bringen. Bahnbrechende Technologien sollen gefördert werden, gleichzeitig werden Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen mit Krediten und Investitionen gestützt. Dadurch soll die technologische Souveränität Europas gestärkt und Hunderte der vielversprechendsten europäischen Start-ups gefördert werden.

Bisher wurden so 5.000 high-potential Start-ups gefördert. Eines ist jetzt bereits ein Unicorn, 43 andere haben bereits einen Marktwert von 100 Millionen Euro erreicht. Die Nachfrage nach Unterstützung ist enorm: allein im Vorjahr haben wir 12.000 Anfragen erhalten.

Wir brauchen kein europäisches Google. Wir brauchen vielmehr Dutzende solcher Unternehmen, die Europas Wiederaufbau nach der Pandemie voranbringen, indem sie Europas technologische Souveränität schützen und stärken. Einige solcher Unternehmen wurden vom EIC bereits gefunden und unterstützt, viele andere werden in den kommenden Jahren noch folgen.

Österreich wendet 3,19 Prozent seines BIP für Forschung und Entwicklung auf. In der EU liegt diese Quote nur noch in Schweden höher. Und dennoch gehört Österreich in der EU nicht zu den „Innovationsführern“. Warum nicht?

Beim Programm Horizon 2020 (aus dem EU-Budget von 2014-2020) wurden 17,6 Prozent der österreichischen Forschungsanträge angenommen. 1,8 Milliarden Euro flossen dadurch an österreichische Unternehmen. Das ist mehr als die durchschnittliche Quote in der EU – sie beträgt 15,5 Prozent.

Bei den Start-ups in Österreich gibt es vielversprechendes Potential besonders im Bereich der Gesundheit und Mobilität. Österreichs talentierte Forscher, Innovateure und Start-ups, sie sind der Schlüssel für die wirtschaftliche Erholung und den Umstieg in eine grüne und digitale Wirtschaft.

 

 

 

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