Machtkampf: Warum Europas Super-Jet eine Bruchlandung droht

Der FCAS-Jet hätte Europas Antwort auf Amerikas Rüstungsüberlegenheit sein sollen. Jetzt droht das Milliarden-Projekt grandios zu scheitern – weil Franzosen und Deutsche sich nicht einigen können, wer das Sagen hat.
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Vor zehn Jahren, als Donald Trump das erste Mal sagte, die NATO sei „obsolet“, blieb den Europäern das Herz stehen. Was, wenn die USA sich aus dem Bündnis zurückzögen – und den Kontinent in Sachen Verteidigung plötzlich allein ließen?

Damals fand Europa rasch eine Antwort. Emmanuel Macron und Angela Merkel hoben schlagzeilenträchtig das Future Combat Air System (FCAS) aus der Taufe; der Super-Kampfjet sollte den Kontinent aus seiner US-Abhängigkeit lösen, so der Plan. Das Flugzeug, ausgestattet mit Begleitdrohnen und einer Gefechts-Cloud, wurde als Gegenstück zur amerikanischen F-35 präsentiert, auf die viele europäische Streitkräfte bis dahin setzten. Und er sollte endlich beweisen, dass die ewigen Rivalen Frankreich und Deutschland auch gemeinsame Sache machen können.

Gegenseitige Breitseiten

Nun, zehn Jahre später, haben beide wohl das genaue Gegenteil bewiesen. Hört man sich die Wortmeldungen der letzten Tage aus an, sieht es, also würde der FCAS nie abheben, trotz bereits investierter Milliarden Euro. Kanzler Friedrich Merz fragte in einem Podcast ganz nonchalant, „ob wir in 20 Jahren eigentlich noch ein bemanntes Kampfflugzeug brauchen“, das „mit hohem, hohem Aufwand“ entwickelt werden müsse. Frankreichs Präsident Macron reagierte höchst verschnupft: Es sei „unverständlich“, dass Differenzen in einer Zeit, wo Europa Einigkeit demonstrieren sollte, nicht anders gelöst würden, hieß es aus dem Elysée-Palast.

Streitpunkt ist vor allem, wer bei dem Projekt letztlich das Sagen hat. Dassault, der französische Partner des Projekts, beansprucht es für sich; Airbus Defence, das in München sitzt, genauso. Diese Doppelführung mag schon von Beginn an ein Konstruktionsfehler gewesen sein: Dassault und Airbus sind erbitterte Rivalen auf dem umkämpften Rüstungsmarkt. Vor allem Dassault – ein familiengeführter und straff organisierter Konzern – will Firmengeheimnisse zu seinem bisherigen Verkaufsschlager Rafale nicht preisgeben. Erst kürzlich verkauften die Franzosen 114 Stück des Jets an Indien, wohl unter tatkräftiger Mithilfe des Präsidenten.

Dazu kommt, dass beide Konzerne eine gemeinsame Geschichte verbindet. In den 1980ern war Dassault gemeinsam mit Airbus am Eurofighter beteiligt, des bisher größten gemeinsamen Rüstungsprojekts Europas. Doch auch da schmissen die Franzosen hin, weil sie keine Führungsrolle hatten.

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Großes Interesse bei der Präsentation des Jets 2019 in Paris

Militärgigant Deutschland

Der Streit geht aber über industriepolitische Interessen hinaus. Auch die wachsende Kluft zwischen Deutschland und Franzosen wird darin sichtbar. Zu Merz’ Amtsantritt vor einem Jahr war Macron noch begeistert, weil der mit seinem Eine-Billion-Euro-Schuldenpaket einen von den französischen Medien als „neogaullistisch“ bejubelten Weg einschlug. Als Berlin sich danach aber an den eher geringen Verteidigungsausgaben der Franzosen rieb (Deutschland will bis 2029 doppelt so viel die Franzosen ausgeben), war die Freude dahin: Unter Frankreichs Diplomaten ging plötzlich die alte Angst um, Deutschland könnte seine wirtschaftliche Überlegenheit ausnutzen und sich zum Militärgiganten hochrüsten. Das würde Europas Machtgefüge erheblich verschieben.

Dass Merz die Franzosen offen kritisiert, mag Teil dieses neuen deutschen Selbstbewusstseins sein. Doch in Sachen FCAS scheinen die Argumente etwas vorgeschoben: Er kritisierte, dass der Jet auch atomar bestückbare Marschflugkörper transportieren könnte – und „das brauchen wir in der Bundeswehr nicht.“ Nur: Die erst 2022 für die deutschen Streitkräfte bestellten F-35 des US-Herstellers Lockheed Martin können das genauso. Allerdings sind die auf US-Atomwaffen ausgerichtet – und nicht auf Frankreichs „Force de Frappe“.

Viele Beobachter fragen sich darum, wie weit es mit der deutschen Unabhängigkeit von den USA wirklich her ist. Denn begraben die Deutschen das FCAS-Projekt tatsächlich, bräuchten sie Ersatz – die F-35 wäre einer. Möglich wäre auch ein Einstieg in das britisch-italienisch-japanische Global Combat Air Programme (GCAP). Dort wäre Berlin aber wohl auch zum Zuschauen verdammt.

In Deutschland macht darum die Ideen die Runde, Airbus könnte doch einen eigenen Jet bauen, parallel zu den Franzosen. Davor warnen aber Auskenner wie der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders: „Die Kosten und der Zeitaufwand wären enorm“, sagte er kürzlich. Zum Vergleich: Lockheed Martin hat in die F-35-Entwicklung 400 Milliarden Dollar gesteckt – das ist so viel wie alle deutschen Verteidigungsausgaben der nächsten vier Jahre.

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