Der Preis des Ukraine-Krieges: Wer in Europa wirklich zahlt – und wer nicht

Seit vier Jahren betont Europa, es stehe felsenfest an der Seite Kiews. Das gilt schon länger nicht mehr nicht für alle Staaten: Schwergewichte wie Frankreich oder Italien überlassen die Hilfe mittlerweile anderen.
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195 Milliarden Euro, das ist eine Zahl mit neun Nullen. Damit kann man 60 neue U-Bahn-Projekte bauen, zwei österreichische Jahresbudgets finanzieren oder 1.950 Eurofighter kaufen. Das ist viel, sehr viel: Diese Summe haben die EU und ihre Mitgliedstaaten seit 2022 an die Ukraine überwiesen, damit die Front und der Staat unter den russischen Angriffen nicht zusammenbrechen.

Der Preis des Krieges ist hoch, auf den einzelnen heruntergebrochen relativiert sich diese Zahl aber wieder. Pro Jahr und Kopf sind es nur 107,5 Euro. Also in etwa so viel, wie die Österreicher im Jahr für ihre ÖAMTC-Mitgliedschaft zahlen – oder ihr Disney-Plus-Abo.

Macrons Ankündigungen

Wie viel oder wenig Europa für die Ukraine leistet, ist seit Kriegsbeginn Streitthema, innerhalb der EU-Staaten ebenso wie in Brüssel. Seit Donald Trump wieder US-Präsident ist, hat sich diese Debatte nochmals zugespitzt: Er hat die Ukraine-Hilfe gleich nach Amtsantritt komplett auf Null gesetzt, den Ausfall musste Europa kompensieren.

Das hat funktioniert, die Unterstützungssumme sank 2025 nur marginal. Doch die Lasten innerhalb Europas sind mehr als ungleich verteilt: Laut einer Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft tragen die militärische Hilfe nur noch wenige Länder in Nordeuropa, die Finanzhilfen kommen zum Gros nur mehr aus Brüssel.

Ukraine-Hilfen nach Anteil am BIP

Politische Schwergewichte wie Italien und Frankreich finden sich aber nur mehr ganz am Ende der Liste – oder erst gar nicht mehr darauf. Das passt so gar nicht zur offiziellen Rhetorik: Besonders Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ist immer zur Stelle, wenn es darum geht, der Ukraine „unerschütterlichen Beistand“ zu versichern. Am Dienstag, dem vierten Jahrestag der Invasion, tat er das auch – und forderte gar mit NATO-Chef Mark Rutte eine „Erhöhung“ der Hilfen.

Gemeint war damit Ungarn, dass das jüngste EU-Milliardenpaket für Kiew blockiert. Doch Macron hätte das besser als Selbstkritik formuliert: Viktor Orbán formuliert sein Nein ganz offen, Macron hingegen ließ die Ukrainehilfen in aller Stille auslaufen. Gemessen am BIP lag Frankreich im Vorjahr nur mehr auf Platz 14 der Geberländer – nach Island. Italien – das sich auch gerne an der Seite Kiews zeigt – kommt in den Top 20 gar nicht mehr vor, ebenso wenig wie Griechenland.

Geld aus dem Norden

Der „Club med“, wie der Süden im Rest Europas manchmal despektierlich genannt wird, hält sich auffallend heraus aus dem Konflikt. Eingesprungen sind dafür Deutschland, Großbritannien und vor allem die Skandinavier, die die Top-20-Liste mit Abstand anführen. Gemessen an der Wirtschaftsleistung haben Norwegen, Dänemark und Schweden je das Siebenfache Frankreichs geleistet.

In Brüssel sorgt das freilich für Spannungen. In einigen Ländern ist der Rückzug auf die innenpolitische Debatte zurückzuführen, in Österreich etwa sind selbst die humanitären Hilfen umstritten. In Frankreich aber hat die Abwendung weniger mit den hohen Umfragewerten der rechts- und linkspopulistischen Opposition zu tun, sondern mit nationalistisch-ökonomischen Motiven: Frankreichs einstige Hilfsgelder fließen nämlich in die eigene Aufrüstung. Das soll die Wirtschaft ankurbeln, denn das Land steckt in einer veritablen Schuldenkrise.

Macron trommelt darum auch in Brüssel, dass die Europäer ihre Waffen doch daheim kaufen sollten. Das erregt die Skepsis vieler Nordeuropäer: „Buy European“ heißt bei ihm nämlich „buy French“ – Frankreichs Rüstungsindustrie solle zur tragenden Säule Europas werden, so das Ziel. Sie hat bereits vom Ukraine-Krieg massiv profitiert; 2024 überholte Frankreich Russland im Ranking der Rüstungsexporteure, derzeit liegt das Land weltweit auf Platz zwei.

Ukraine-Hilfe seit 2022

Waffen aus der Ukraine

Diesen Machtkämpfen versucht die Ukraine zu entkommen. Dass die Hilfen aus dem Westen irgendwann versiegen werden, verhehlt dort ohnehin niemand mehr, darum investiert Kiew in die eigene Rüstungsindustrie. Deren Kapazitäten sind seit 2022 um das 35-Fache gewachsen, ein Viertel der an der Front genutzten Waffen kann die Ukraine mittlerweile selbst produzieren. Der Echtzeit-Einsatz dort zieht auch westliche Unternehmen an: 25 Rüstungsfirmen haben mittlerweile Produktionsstätten oder Joint Ventures in der Ukraine eröffnet.

Besonders viel Eindruck machen dabei die Fähigkeiten der Ukrainer im Drohnen-Bereich. Bei einer NATO-Übung vergangenes Jahr setzte ein zehnköpfiges ukrainisches Drohnenkommando zwei NATO-Bataillone außer Gefecht – das sind zwischen 1000 und 2000 Soldaten.

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