Atomare Wortgefechte: Warum Europas Weg zu eigenen Nuklearwaffen noch weit ist

Die Bedrohung durch Russland und das wachsende Misstrauen in die USA lassen viele in Europa laut über ein eigenes Atomwaffen-Arsenal nachdenken. Der Weg dorthin aber ist sehr weit.
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Es eine Drohung, wie sie in den Jahren des Krieges in der Ukraine zur schrecklichen Routine geworden ist. Falls es zu keinem Friedensschluss nach Russlands Vorstellungen komme, sei man auch für das „härteste Szenario“ bereit, ließ eine Gruppe hochrangiger Moskauer Militärs und Sicherheitsexperten vor einigen Tagen in einem öffentlichen Manifest an die „politischen Eliten des Westens“ verkünden.

Russland hat alle Möglichkeiten für einen Atomschlag

Eine Formulierung, wie sie Putin-Vertraute gerne verwenden und die nichts anderes heißt, als der Einsatz von Atomwaffen. Der Kreml hantiert gerne mit diesem Schreckenszenario. Regelmäßig darf etwa Ex-Präsident Dmitri Medwedew ausrücken und Europa mit der Atombombe drohen, man weiß nur zu genau über die Schwächen des Gegenübers Bescheid. „Russlands ist bei seinen Möglichkeiten für einen Atomschlag sehr flexibel“, erklärt Rafael Loss, Sicherheitsexperte des renommierten europäischen Think Tank „European Council of Foreign Relations“ gegenüber dem KURIER: „Das reicht von atomaren Seeminen, über einen taktischen Atomschlag bis hin zu einem massiven Angriff.“

Karte zeigt Standorte und Reichweiten von Atomwaffen in Europa und Russland mit Erklärungen.

Die aktuellen Atomwaffenarsenale in Europa

„Wenig glaubwürdig“

Europas nukleares Drohpotenzial dagegen ist begrenzt - und erscheint zunehmend fragwürdig. Mit Großbritannien und Frankreich gibt es zwar zwei Atommächte auf dem Kontinent. Doch auf einen taktischen Atomschlag Russlands – das Schwarze Meer galt lange als wahrscheinlicher Schauplatz – könnten sie nicht angemessen reagieren. Ihre atomaren Arsenale sind darauf ausgelegt, nach einem massiven Atomangriff einen Gegenangriff zu starten. Ein apokalyptisches Szenario aus dem Kalten Krieg, in dem offen mit der Zerstörung von Millionenstädten kalkuliert wird. „So ein massiver Einsatz als Antwort auf einen begrenzten Atomschlag irgendwo in Europa: Das ist wenig glaubwürdig“, gibt der Sicherheitsexperte zu bedenken.

New York für Paris opfern?

Immer weniger glaubwürdig erscheint vielen Entscheidungsträgern in Europa auch die grundsätzlich weiterhin aufrechte Sicherheitsgarantie durch die USA. Trumps Abneigung gegen die NATO, das Spiel mit einer Invasion Grönlands: All das macht die noch immer beschworene „transatlantische Achse“ brüchig. Ob die einer tatsächlichen militärischen Konfrontation standhält? Auch Experten wie Loss zweifeln an der Stabilität des NATO-Beistandspaktes: „Würden die Amerikaner heute noch New York für Paris opfern?“

Über Jahrzehnte war der nukleare Schutzschirm der US-Streitkräfte über Europa aufgespannt. Das nukleare Arsenal der USA hat auch nach Jahrzehnten der Abrüstung immer noch unbeschränktes Vernichtungs- und damit Drohpotenzial.

In Europa aber ist nur noch ein Restbestand der einstigen  Atomwaffen stationiert. In Belgien, Deutschland und Italien lagern zusammen rund 100 Atombomben. Im Ernstfall müssten die auf Kampfjets montiert werden, die dann ihre Einsätze fliegen würden. Italienische oder deutsche Kampfjets sind für diesen Fall vorgesehen. Zwar können nur die USA den Einsatz ihrer Atomwaffen anordnen, aber ob die Kampfjets auch aufsteigen, entscheiden die Europäer. „Man kann eigentlich nicht davon ausgehen, dass so eine  Entscheidung schnell gefällt werden kann“, gibt Sicherheitsexperte Loss zu bedenken: „Und das ist ein klares Minus für die Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung.

„Eine europäische Bombe“

Die Zweifel an der aktuellen strategischen Konstruktion sorgen in Europa für wachsende Unruhe. Immer mehr Politiker treten auf den Plan, stellen öffentlich Überlegungen über eine eigenständige atomare Bewaffnung Europas an. Manfred Weber etwa, einflussreicher Chef der Europäischen Volkspartei, erklärte erst kürzlich vor seinen Parteifreunden: „Wir brauchen die europäische Atomwaffe.“ Polens nationalistischer Staatspräsident Karol Nawrocki hätte gerne für Polen eigene Atombomben.

„In drei Jahren Bauzeit“

Selbst deutsche Generäle schrecken nicht mehr davor zurück, die Bombe für Deutschland einzufordern, auch wenn Bundeskanzler Friedrich Merz massiv auf der Bremse steht. Eine deutsche Atombombe werde es nicht geben, sagte er. Technisch, so spekuliert man dennoch ungebremst, sei der Bau in drei Jahren möglich. Für den Experten sind das wenig überzeugende Gedankenspiele: „Kann sein, dass einzelne Länder in kurzer Zeit die Bombe bauen könnten - aber das würde noch lange keine glaubwürdige nukleare Abschreckung bedeuten.“ Eine Handvoll Atomwaffen würde ein Land eher gefährden als sicherer machen.

Die derzeit naheliegendste Variante ist, Frankreichs Atomwaffen-Arsenal als Schutzschirm über ganz Europa aufzuspannen. Voraussichtlich in enger Zusammenarbeit mit Großbritannien und dessen Kapazitäten. Diese Zusammenarbeit haben London und Paris zumindest in Aussicht gestellt.

„Solche politischen Statements sind wohl die einzigen realistischen und zeitnah umzusetzenden Möglichkeiten für Europa“, bremst Raffael Loss die nuklearen Pläne mancher Politiker hart ein: Ein gemeinsames Atomwaffenarsenal für Europa, „das stellt uns vor viele komplexe Fragen.“ Würde je ein französischer Präsident Deutschland über seine Atomwaffen mitentscheiden lassen? Wer in Deutschland könnte diese Entscheidung überhaupt treffen: Das Parlament, der Staatspräsident? Einfach nur Atombomben zu bauen, meint Loss: „Damit ist es sicher nicht getan.“

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