Schul-Wertung in England: Direktoren fürchten sie
Es ist der Tag, an dem Direktoren schwitzen, die Klassenzimmer alle noch einmal auf Hochglanz poliert werden und Stundenpläne minutiös durchgetaktet sind: das Großereignis Ofsted-Kontrolle.
In England werden seit 1992 alle öffentlichen – und auch einige unabhängige – Schulen auf einer mehrstufigen Skala von „Hervorragend“ bis „Dringender Verbesserungsbedarf“ gewertet. Eltern bringt das Klarheit und Transparenz, können sie sich bei der Schulwahl für ihr Kind doch an der Bewertung der Schulaufsichtsbehörde Ofsted orientieren. Doch für das Bildungspersonal bedeuten diese Überprüfungen Schweißausbrüche und Panikattacken.
Nicht nur die britischen Examen, auch die Schulüberprüfungen sind tough.
Denn letztlich ist es eine Momentaufnahme mit möglicherweise dramatischen Folgen: Erhält eine Schule die niedrigste Stufe, kann sie geschlossen oder in eine, von Lehrgewerkschaften umstrittene Akademie gewandelt werden. Diese werden von privaten Stiftungen geführt, haben mehr Freiraum, aber langfristig oft geringeren Standard.
Die Herabstufung ist zudem meist von Schülerschwund begleitet – Eltern zieht es verständlicherweise zu einer „hervorragenden“ oder „guten“ Schule – und führt in der Folge zu Finanzierungsproblemen. Und auch Lehrer bewerben sich lieber bei höher bewerteten Schulen.
Druck zu hoch
Welchen immensen Druck das ausüben kann, zeigte der Tod von Ruth Perry: Die 53-jährige Direktorin aus der südenglischen Grafschaft Berkshire nahm sich im Jänner 2023 das Leben, während sie das verheerende Ergebnis der Ofsted-Überprüfung erwartete. Sie war davon ausgegangen, dass ihre Volksschule von einer herausragenden 1 auf eine inadäquate 4 heruntergestuft werden würde.
Groß war in der Folge nicht nur der Aufschrei aus Perrys Umfeld: Perrys Schwester Julia Waters verurteilte das „inhumane System“, das die 32 Dienstjahre ihrer Schwester mit einem einzigen Wort zunichte gemacht hatte.
Der Druck durch Ofsted ist für viele Direktoren immens.
Doch auch andere trauten sich nun über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Ofsted hat mich gebrochen“, schrieb ein anonymer Direktor, dessen Schule 2021 auf „Unzureichend“ gestuft wurde. „Ich konnte mit der Scham nicht umgehen“, sagte Direktorin Clair zur BBC. Und ein Lehrer aus Nordengland erinnert sich im Guardian, dass sein Vize-Direktor nach einer negativen Ofsted-Überprüfung „direkt vor mir einen Herzanfall“ erlitt.
Neues Bewertungssystem
Im Herbst 2025 wurde das alte vierteilige, Ein-Wort-Urteil also auf eine fünfteilige Ein-Seiten-Skala ausgeweitet. Damit können unterschiedliche Schwerpunkte (etwa Lehrplan, Führungsebene oder Benehmen) differenzierte Beurteilungen erhalten (etwa „Starker Standard“ oder „Benötigt Aufmerksamkeit“). Abgestufte Schulen bekommen zudem nun finanzielle Unterstützung: Neue regionale Teams mit einem Budget von umgerechnet bis zu 115.000 Euro pro Schule sollen helfen, „festgefahrene“ Schulen wieder auf Kurs zu bringen.
Bildungsministerin Bridget Phillipson sagt, die neuen Berichte würden „umfassende, detaillierte Einblicke“ liefern.
Doch viele bleiben skeptisch. Ein offener Brief, den auch Vorsitzende von vier Lehrergewerkschaften unterzeichnet hatten, warnte davor, dass das neue System „weiterhin negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Lehrpersonals und damit die Schulerfahrung haben wird.“
Schulinspektoren fürchten wiederum, dass die Inspektionen nun „um jeden Preis“ stressfreier gestaltet werden – zum Leidwesen der Schüler: „Der Hauptzweck besteht darin, sicherzustellen, dass die Sicherheit der Kinder gewährleistet ist und sie eine angemessene Bildungsqualität erhalten. Das gerät derzeit in Vergessenheit“, sagte ein anonymer Inspektor im Daily Telegraph.
Dennoch: zwei Drittel der britischen Eltern sind erleichtert, dass es weiterhin ein Bewertungssystem gibt. Das neue System sei leicht verständlich und helfe, eine fundierte Wahl zu treffen.
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