Die „Messer-Intifada“ der Kinder
„Wir sind gleich wieder zurück in Holon, wo ein Angreifer mit seinem Messer vor wenigen Minuten auf einen etwa 30-jährigen Passanten eingestochen hat. Jetzt müssen wir aber nach Jerusalem umschalten, von wo ein weiterer Angriff gemeldet wird ...“ Selbst Israels schnelle elektronischen Medien kommen der Gewalt in den Straßen kaum noch nach. Die TV-Live-Schaltungen vom Tod häufen sich. Rarer sind die erklärenden Einschätzungen. Auch Experten rätseln noch.
Allein Dienstagfrüh gab es vier Angriffe in zwei Stunden. Über 20 in der Vorwoche. Je nach politischer Meinung sprechen die Beobachter von Intifada oder Faura. Letztere ist plötzlich ausbrechende Gewalt, die bald wieder abflaut. Intifada ist eine Volksrebellion, deren Ende offen ist. Und davon reden die Radikalen auf beiden Seiten.
In Gaza prägte die dort herrschende militant islamistische Hamas den Begriff „Messer-Intifada“. Ihn übernahm Israels Siedler-Lobby, deren Vertreter auch in der Regierung sitzen. Sie kennt nur ein Gegenmittel: eine sofortige Ausweitung des Siedlungsbaus. Obwohl der in der ersten und zweiten Intifada vor fast 30 und 15 Jahren Gewalt weder verhinderte noch verminderte.
In Israel kursieren Spekulationen, dass auch Juden und Christen ein Gebetsrecht auf dem Tempelberg bekommen sollen – dort, wo Felsendom und Al-Aksa-Moschee stehen. Das heiße Thema ist zurzeit das einzige, was die sich selbst zerfleischende arabische Welt noch eint. Vor allem über Facebook und Twitter konnte „der Krieg um unser bedrohtes Heiligtum“ so schnell und immer stärker seine Eigendynamik entwickeln. Eine virtuelle und digitale Reality, die in der Wirklichkeit ihre blutigen Spuren nach sich zieht.
Immer jüngere Täter
Seit fast einem Jahr brechen immer wieder Unruhen neben der Al-Aksa aus. Oft infolge der Besuche rechter Politiker. Immer häufiger auch ohne jeden direkten Anlass. Neben den Moscheen und etwa einem Dutzend Kontrollsperren in den besetzten Palästinensergebieten kam es zu Protesten. Mit meist etwa hundert Jugendlichen, viele noch keine 14 Jahre alt. Und mit einer deutlich wachsenden Zahl an jungen Frauen. „Spontis“ schlugen immer öfter in Jerusalem und den besetzten Gebieten zu: Attentäter ohne Komplizen, meist mit einem Küchenmesser oder ihrem Auto bewaffnet. Attentäter, die punktuell und individuell zuschlagen. Unvorhersehbar. „Ich sah nur einen 13-Jährigen blutend auf der Straße“, berichtete ein Augenzeuge letzte Woche, „den Buben daneben hielt ich für seinen Freund“. Der war ebenfalls 13 und mit einem 17-jährigen Begleiter aus dem arabischen Nachbarort gekommen. Mit Küchenmessern verwundeten sie den zufällig vorbei radelnden jüdischen Burschen schwer.
Neue Helden
Ein Autofahrer rammte mit seinem Auto den 13-Jährigen, als er weiter zustach. Er liegt jetzt wie sein Opfer im Spital. Die Polizei erschoss Minuten später den 17-Jährigen, nicht bevor er noch einen 24-jährigen Passanten schwer verwundete. In den Netzwerken wird der Jüngere als Märtyrer gefeiert. Er sei tot, heißt es, obwohl er verletzt im Krankenhaus liegt. Reality braucht ihre Helden und schafft sie sich selbst.
Mit welchem Ziel? Das ist so unklar wie die Zukunft der palästinensischen Facebook-Generation. Die nur wenig älteren Palästinenser wuchsen in den letzten zehn Jahren vergleichsweise behütet auf. Der zweiten Intifada folgten Jahre wirtschaftlichen Wachstums. Doch diese Erfolge unter Premier Salam Fayad endeten mit dessen Rauswurf 2013. Die alte korrupte Fatah-Führung übernahm wieder.
Mehrheit will Frieden
Die wirtschaftlichen Erfolge wirken derzeit kaum noch nach. Wachsende Probleme führen vor allem zu wieder wachsender Arbeitslosigkeit. Wer am Aufschwung der letzten Jahre zumindest seinen bescheidenen Anteil hatte, will keine Intifada. Wer eine kleine Hypothek bei der neuen Bank für den Bau des Eigenheims aufnehmen konnte, will weiter arbeiten und seine Raten zahlen. Es ist die Mehrheit. Aber das kümmert die jungen Netzwerk-Rebellen nicht.
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