Politik | Ausland
28.07.2018

Gazastreifen: Die ewige Gewaltspirale am Grenzzaun

Auf beiden Seiten der Grenze haben die Menschen die Raketen satt. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Miriam vom Süßwaren-Kiosk organisiert Kinder-Geburtstage. Hinter der Kasse bläst sie die dazu benötigten Luftballons auf: „Eigentlich mach’ ich das wegen der Gas-Flasche immer auf dem Parkplatz. Aber vor drei Tagen sind mir dabei ein paar aus der Hand geflutscht. Vier Minuten später bremsen neben mir zwei Polizeistreifen und dann kam auch noch die Feuerwehr. Ich hab denen gesagt, dass ich auf Lachgas umsteige. Aber die fanden das gar nicht lustig.“

Nicht zum Lachen ist, wofür andere Gase derzeit sorgen: nämlich für eine hochexplosive Lage. Wortwörtlich. Harmlos anmutende Luftballons fliegen seit Wochen von der palästinensischen Seite über den Sperrzaun und landen in den israelischen Feldern als Brandsätze. Diese hängen manchmal auch an Winddrachen. Und statt Brandsätzen sind es manchmal Sprengsätze.

 

Seit Beginn der Unruhen am Grenzzaun im März sind Polizei und Feuerwehr rund um die Uhr im Einsatz. Im Juli kam es zudem nach fast zweijähriger Pause wieder zu Raketen-Angriffen aus Gaza.

„Außenstehende können das nicht nachvollziehen“, meint Miriam, „Sirenen, die einen in den Schutzraum jagen. Vor allem für Kinder ist das jedesmal von neuem Todesangst.“ Meistens heißt es danach: Sachschaden. Manchmal auch Verletzte.

Das Wort „Sachschaden“ lässt Shai Morell die Stirne runzeln. Der Imker sorgt sich auch um das Naturreservat bei Sikkim, ein paar Kilometer weiter nördlich: „Kein Mensch weiß, wann die Natur sich hier wieder zurückbilden kann. Unsere Bienen werden dieses Jahr nur wenig Honig bringen“, ist Shai sicher. „Fast 40 Quadratkilometer sind verbrannt. Aber ich habe schon Schlimmeres erlebt“, erzählt er, „mehr als einen Krieg. So ratlos wie heute war ich noch nie. Ich sehe einfach keine Lösung.“

Und er erzählt auch von besseren Zeiten. „Die Menschen aus Gaza arbeiteten bei uns. Mit einigen stehe ich bis heute in Verbindung. Über Internet kann ich sie sogar sehen. Das Schlimmste ist dabei, dass deren Kinder da in Gaza noch niemals in Israel waren. Die ärgern sich sogar, weil ihr Vater mit dem Feind spricht.“

Hinter dem Zaun

Selim aus Beit Hanun jenseits des Zaunes fuhr lange Jahre mit seinem Lastwagen für die israelischen Kibbuz-Bauern. „Damals gab es aber noch gar keinen Sperrzaun.“ Heute fährt er Waren vom Kontroll-Übergang im Süden nach Gaza. „Aber zur Zeit stockt alles. Weil zwei israelische Soldaten am Zaun erschossen wurden, wurden Benzin und Gas gesperrt. Keiner fährt zur Zeit irgendwas.“ Schon zwei Wochen vorher war der Übergang dicht. Bei den Unruhen setzte Hamas die palästinensische Seite des Terminals in Brand. „Ihr könnt mir glauben. Die Mehrheit hier in Gaza hat das so satt. Wir wollen nur unsere Familien durchbringen. Nur ein paar Stunden am Tag haben wir Strom.“

Eine Lösung? „Da muss sich grundlegend was ändern. Die Menschen sollen wieder in Israel arbeiten dürfen. Die Absperrung muss enden. Die hat Israel keine Ruhe gebracht, aber bei uns hat niemand mehr was zu verlieren.“ Eine Analyse, der die meisten Sicherheitsexperten in Israel zustimmen würden.

Millitär will Lockerung

Seit der Machtübernahme der Hamas 2007 lässt Israel nur noch bestimmte Waren in begrenzten Mengen in den Gazastreifen. Die Hamas soll kein Baumaterial erhalten, mit dem sie sich militärisch aufrüsten kann.

Israels Militär würde heute sofort die Mengen aufstocken. Unter bestimmten Auflagen ließe sich verhindern, dass Hamas die für die Zivilbevölkerung bestimmten Waren missbraucht. So könnte der Wiederaufbau der im Gaza-Krieg 2014 zerstörten Häuser beginnen. Gelder aus aller Welt liegen dafür bereit. Doch die mit der Hamas zerstrittene Palästinensische Autonomie-Regierung (PA) von Präsident Mahmud Abbas fordert die Aufsicht über die Gelder und die Wiederherstellung ihrer im Gazastreifen 2007 verlorenen Oberhoheit. Was Hamas unter keinen Umständen will.

Für Selim sieht das so aus: „Mein Bruder ist Lehrer, meine Tante Krankenschwester. Die PA hat ihnen seit Monaten keine Löhne mehr gezahlt. Sie zahlt auch nicht mehr für den Strom aus Israel. Darum kommt der nur noch so sporadisch.“

Israels Armee schlug vor, notwendige Lieferungen auf eigene Initiative zu organisieren. Von Zahlung der Löhne über Beton bis Benzin und Strom. Die Unkosten ließen sich über die in Israel eingetriebenen Steuern der PA ausgleichen. Aber die Likud-Regierung steht vor einem Dilemma: Sie will die mit Israel kooperierende PA-Regierung nicht zugunsten der Hamas ins Abseits stellen. Auch nicht zugunsten der Zivilbevölkerung von Gaza.

Shai Morell hält das für einen Vorwand. „PA-Interessen sind doch das Letzte was Netanyahu interessiert.“ Der Imker bezeichnet Israels Regierung als „reaktionär“. „Hamas bestimmt wo es lang geht. Wann geschossen wird, wann Ruhe herrscht.“

Oder es zeigt sich eben, wie verworren sich die Lage entwickelt hat. Itzik Abutbul in seinem kleinen Handy-Shop in Sderot versucht ebenfalls vergeblich zu verstehen. „Ich komme aus einer Familie, die zur Ur-Zelle des Likud gehört. Ich begreife es einfach nicht. Was hat Netanyahu doch immer so große Töne gespuckt. Von wegen Null-Toleranz bei Raketen-Angriffen. Und jetzt: Wie vor vier Jahren, wie vor zehn Jahren, wie vor zwanzig Jahren. Wir rennen in den Bunker.“ Israel hat zu einem entscheidenden Teil seine Abschreckungskraft verloren, so Itziks Fazit. „Was hat unser Verteidigungsminister Lieberman vielleicht rumgedruckst, als wir ihn danach fragten. Er war ja hier und hat zu erklären versucht: Zurzeit sei die Lage an der syrischen Grenze im Norden wichtiger. Danach aber käme der Süden dran.“ Itzik lacht bitter: „In Wahrheit ist es umgekehrt: Zuerst war der Süden dran. Hier flogen zuert Brandsätze und Raketen. Jetzt fliegen sie auch im Norden.“