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Migranten in Ceuta: Gestrandet am Rande Europas

Zehntausende Menschen haben auf dem Weg in die spanische Exklave ihr Leben riskiert. Die Bewohner sehen ihre Stadt als Spielball geopolitischer Machtkämpfe – und geben Rabat und Madrid die Schuld.
Elisabeth Kröpfl aus Ceuta
SPAIN-MOROCCO-MIGRATION-CEUTA

Von der Playa Benítez in Ceuta sieht Europa fast zum Greifen nah aus. 20 Kilometer trennen das spanische Festland von der Exklave in Nordafrika. Am Horizont sind die Berge Andalusiens zu erkennen, der Felsen von Gibraltar ragt in die Höhe. Eine Fähre legt in Richtung Algeciras ab.

Abdullah, der seit rund zwei Wochen in Ceuta ist, wacht morgens mit Europa im Blick auf. 5.000 Kilometer hat er zurückgelegt, um vor dem Krieg aus dem Sudan zu fliehen. Ein Jahr lang schlug er sich in Marokko durch. Dann hörte er, dass die Grenze zu Spanien offen sei. Ende Juli ist er am Wellenbrecher von El Tarajal vorbeigeschwommen und seitdem geblieben.

Ceuta, das ist – ebenso wie die zweite spanische Exklave Melilla – für viele Migranten das Tor nach Europa. Für Europäer, auch für viele Spanier vom Festland, sind die beiden autonomen Städte vor allem: blinde Flecken. „Drüben in Spanien haben sie keine Ahnung, wie es hier wirklich ist“, sagt Juan, der in einem Kaffeehaus in der Altstadt sitzt. „Der Anlass mag kein schöner sein. Aber immerhin kann man uns jetzt auf der Landkarte verorten.“

Juan ist vor acht Jahren von Madrid hierher gezogen und hat mehrere Lokale eröffnet. Das Leben in Ceuta gefalle ihm. Es sei entspannt, billig, man kenne sich. Aufs Festland fährt er häufig. Gerade erst kam er mit seiner Familie aus Marbella zurück. Dorthin seien sie gegangen, als „alles außer Kontrolle geraten ist“.

Invasion oder Lawine

Was er meint, ist die Ankunft von 80.000 Menschen Ende Juli, für die in Ceuta noch nach den richtigen Worten gesucht wird. Manche sprechen von einer Invasion oder einem Angriff, andere von einer Lawine. „Horroroso“, furchtbar, sei das gewesen, hört man aber eigentlich immer. Innerhalb weniger Tage hat sich Ceuta einwohnermäßig verdoppelt, zwei Wochen später halten sich laut Regionalregierung noch bis zu 9.000 Erwachsene illegal in der Stadt auf. Dazu kommen 1.527 registrierte und viele undokumentierte Jugendliche.

Yusef, der Taxi fährt, hat an jenen Tagen gearbeitet. Die Straßen seien so voll gewesen, dass er mit seinem Auto kaum durchgekommen sei. Auch er wohnt gerne in Ceuta, wo er schon sein ganzes Leben zu Hause ist. „Wir haben Strände, Berge, Marokko und wenn wir nach Spanien wollen, nehmen wir die Fähre.“ Auf der anderen Seite der Grenze hat er Familie, die er oft besucht. Das Zusammenleben in Ceuta, wo vier Kulturen vereint sind, funktioniere gut. 40 Prozent sind Muslime, 60 Katholiken, Juden und Hindus. „Wir haben uns immer respektiert. Hoffentlich bleibt das so.“

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Schulen und Sportplätze wurden zu Notquartieren umfunktioniert. Was zu Schulbeginn im September passiert, ist unklar.    

Der Austausch mit Marokko war historisch eng. Im Grunde war die Grenze zwischen Ceuta, Melilla und den angrenzenden Provinzen lange nur ein kaputter Zaun, erzählt der Politologe Enrique Ávila, der zu Migration in der Region forscht. Auch nachdem eine richtige Grenzbefestigung errichtet und Spanien Schengen-Mitglied wurde, hat man Sonderregelungen geschaffen. Viele Marokkaner kamen, um hier zu arbeiten. In der Pandemie schloss Rabat aber die Grenze. Das alte System wurde nie wiederhergestellt.

Auf der marokkanischen Seite haben damals Tausende Familien auf einen Schlag ihre Lebensgrundlage verloren. Das Industriezentrum „Las Naves“, wo einst Warencontainer teuer vermietet wurden, steht seitdem leer. Nun sind dort Migranten untergebracht, die im offiziellen Aufnahmezentrum keinen Platz haben.

Heute ist die Beziehung zum südlichen Nachbarn kompliziert. Die Auslöser für den Massenansturm sind zwar noch nicht endgültig geklärt. Soziale Medien spielten auf jeden Fall eine Rolle, sagen Experten. Auch über mögliche andere Akteure wie die USA oder Israel wird hier viel diskutiert. Rabat sei aber jedenfalls indirekt beteiligt gewesen, so Ávila. „In Marokko bewegt sich kaum etwas, ohne dass der König davon weiß. Und erst recht nicht, wenn gleichzeitig Thron-Feierlichkeiten stattfinden.“

Territoriale Konflikte

Auch über die möglichen Gründe wird viel spekuliert: über die Austragung des Finales der gemeinsam mit Spanien 2030 veranstalteten Fußball-WM etwa, das der marokkanische König unbedingt im neuen Stadion haben will. 

Und natürlich über die schwelenden territorialen Konflikte: Rabat erhebt Anspruch auf die beiden spanischen Exklaven. Die Ceutíes fühlen sich deswegen als Opfer geopolitischer Machtkämpfe, sagt eine Kellnerin in Rosis Tapasbar aufgebracht. „Ceuta und Melilla liegen in Afrika. Wir haben Marokko als Nachbarn. Aber wir befinden uns nicht in Marokko. Ceuta und Melilla waren auch niemals Teil Marokkos“.

Auch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez machen hier viele für den Massenansturm (mit)verantwortlich. Sein Regularisierungsverfahren, das Hunderttausenden Migranten Papiere geben soll, wird als Pull-Faktor gesehen. „Ich bin selber Unternehmer und weiß, dass das Land Arbeitskräfte braucht“, sagt Juan. „Aber die Regierung hat einfach jeden aufgenommen.“

Taxifahrer Yusef sieht Migration grundsätzlich positiv. Spanien brauche Arbeitskräfte aus dem Ausland, sagt auch er. Aber natürlich gebe es immer Menschen, die das System ausnutzen wollen. Er hat Angst, dass bei den Wahlen nächstes Jahr die rechte Vox-Partei aufsteigen könnte. „In ganz Europa erstarken die Superrechten. Überall wächst der Hass.“

Mass crossings of migrants on foot and by sea from Morocco into Spanish territory, in Ceuta

Mass crossings of migrants on foot and by sea from Morocco into Spanish territory, in Ceuta

Müll und Schwimmhilfen sind an den Stränden Ceutas 
angespült worden: Inzwischen wird dort wieder gebadet.      

SPAIN-MOROCCO-MIGRATION-CEUTA

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In Ceuta kam es nach der Massenankunft zu Protesten – etwa gegen den Besuch von rechtspopulistischen Politikern.   

Zurück zum Alltag

Auch in Ceuta hat Vox in den letzten Jahren stark zugelegt. Die Wunden, die die Migrationskrise hier hinterlassen hat, sind tief. Gleichzeitig versuchen die Menschen, ihren Alltag weiterzuleben. Die Terrassen und Bars der Altstadt sind wieder voll; am Strand beim Grenzübergang wird gebadet. 

Vor zwei Wochen sollen dort mehr als 140 Menschen ertrunken sein. Am Friedhof von Sidi Embarek sind bereits Gräber für sie ausgehoben worden. „Noch ist keiner der Migranten vom 30. Juli begraben“, sagt der Friedhofswärter. „Es dauert, bis sie identifiziert sind.“

Abdullah hat für den Traum von Europa die gefährliche Reise auf sich genommen. Er würde gerne in Spanien arbeiten. „Wegen des Krieges musste ich fliehen und mein Studium abbrechen“, sagte er. Nun sitzt er in Ceuta fest, von den Behörden noch nicht einmal erfasst. An der Playa Benítez übernachtet er. Bis er vielleicht irgendwann nach Europa kann.

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