Lektion 33: Ich seh’, ich seh’ ... anders als gedacht
Der Frühlingsurlaub im nordenglischen Lake District war so lange eine gute Idee, bis wir Freitagfrüh im Auto saßen. Mit acht statt 13 gesetzlichen Feiertagen sind lange Wochenenden in England rar. Wenn zu Ostern Freitag und Montag frei sind, muss man zuschlagen. 5,5 Stunden klangen in der Vorstellung passabel. Am Ankunftsort würden Berge, Seen und niedliche Cottages warten. Doch dann erschien das Wochenende mit regnerischen
Osterfahrt
7 Grad, und nach 1,5 Stunden, als noch nicht einmal der Nordzipfel Londons passiert war, kam der Stau.
Also griffen wir zu dem, was im Stau immer hilft: Autofahrtsspiele. Doch als der Partner die englische Variante von „Ich seh’, ich seh’ ...“ anstimmte, wählte er keine Farbe, sondern einen Buchstaben. „I spy with my little eye, something beginning with R.“
Natürlich, das Prinzip ist das Gleiche. Ein verbaler Clue, der einen dazu bringt, die Umgebung zu studieren. Und doch ist die Unterscheidung beispielhaft. Im Deutschen: klare Farben; im Englischen: spielerische Wort-Clues. Kaum etwas erheitert Briten ja wie Wortspiele – in Zeitungstiteln ebenso wie beim BBQ an heißen Sommertagen. Das ist sprachlich bedingt: Wenn ein Wort (etwa talk) sowohl Nomen (das Gespräch) als auch Verb (sprechen) sein kann, sind Mehrdeutigkeiten programmiert.
Am ersten Rastort sind die Autoschlangen so lang, dass Menschen freie Parkplätze mit ihrer Präsenz reservieren. „Das ist verboten!“, echauffiert sich diese Kolumnistin und der Partner schmunzelt. Ob wir für alles Regeln brauchen? Und so zeigt die Spielvariation noch etwas anderes: Farben sind eindeutig, Buchstaben lassen Freiraum. Das Wort mit R war übrigens seine „Reflexion“ im Rückspiegel. Er wurde wegen Unlauterkeit disqualifiziert.
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