Zehntausende Stellen weg, Investitionen verschoben: Deutsche Autobranche fordert Hilfe
Hildegard Müller VDA
Die Nachrichten stammen aus dem Ausland, aber sie werden auch Österreich betreffen. Denn: Die Autobranche steckt laut einer aktuellen Umfrage weiter in einer tiefen Standortkrise. Die Bedingungen in Deutschland und Europa verschlechterten sich zusehends, sagte die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, am Dienstag. Das Hauptproblem: Viele Unternehmen verzichteten auf Investitionen in der EU oder verlagerten Investitionen ins Ausland.
Abwandern von Investitionen
Der VDA-Umfrage zufolge sind vor allem die Investitionsabsichten der Zulieferer schwach: Ganze 72 Prozent der Unternehmen wollen eigentlich geplante Investitionen in Deutschland verschieben, verlagern oder ganz streichen. Davon wollten 28 Prozent Investitionen ins Ausland verlagern, 19 Prozent streichen und 25 Prozent verschieben.
Ob in Berlin oder Brüssel: Zu oft verharren wir in einer sehr konkreten Beschreibung der komplexen Herausforderungen – ohne aber in die Problembewältigung zu kommen.
Jahrespressekonferenz des Verbandes der Automobilindustrie
Bei den Investitionen zeigt sich eine geografische Verschiebung: Während jedes dritte Unternehmen plant, seine Investitionen in der EU zurückzufahren (33 Prozent), gilt das mit Blick auf die USA nur für 3 Prozent der Unternehmen, mit Blick auf China nur für 5 Prozent. Und umgekehrt zeigt sich: 18 Prozent wollen ihr Engagement in der EU ausweiten, in China (22 Prozent) und den USA (28 Prozent) sind es mehr.
"Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenz für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben", so Müller.
Denn für die Branche hat das vor allem auf Mitarbeiterebene unerfreuliche Folgen.
Zehntausende Stellen abgebaut
Bereits im vergangenen Jahr sind in der deutschen Automobilindustrie Branchenschätzungen zufolge zehntausende Stellen abgebaut worden. Im vergangenen Jahr waren laut vorläufigen Daten des Verbands der Automobilindustrie 726.000 Menschen im Automobilsektor tätig. Das waren knapp 47.000 Beschäftigte weniger als im Jahr zuvor und fast 107.000 weniger als im Vorkrisenjahr 2019. Bei der Branchenumfrage gaben fast zwei Drittel der befragten Unternehmen an, im vergangenen Jahr Stellen am Standort in Deutschland abgebaut zu haben. Dabei spielte für 87 Prozent die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland eine große oder sogar sehr große Rolle.
Und die Zukunft sieht nicht besser aus: Fast jedes zweite Unternehmen reduziert auch aktuell Arbeitsplätze. Interessant dabei: Rund jeder vierte Betrieb baut lediglich in Deutschland Stellen ab, im Ausland aber welche auf.
Was sind die Gründe für die Krise?
"Deutschland hat eine massive Standortkrise", kritisierte VDA-Chefin Hildegard Müller und nennt auch die Gründe. "Die Bedingungen am Standort Deutschland und Europa verschlechtern sich zusehends, das bringt die Unternehmen und ganz besonders den automobilen Mittelstand unter Druck." Müller kritisierte insbesondere die Politik auf europäischer Ebene. "Noch zu oft begegnet der Wirtschaft in Brüssel eine Kombination aus Realitätsverweigerung und Relevanzillusion", betonte sie.
Der VDA forderte die deutsche Bundesregierung auf, sich in der EU für Erleichterungen einzusetzen. Müller sagte mit Blick auf die jüngsten Änderungen bei den Emissionsregelungen, die angekündigte technologische Öffnung dürfe von Brüssel nicht nur versprochen, sondern auch praktisch ermöglicht werden. Mit den aktuellen Vorschlägen könne Deutschland als Automobilnation nicht zufrieden sein. "Eine Reduzierung der CO2-Reduktion vorgeblich auf minus 90 Prozent, die gleichzeitig an Bedingungen und neue Auflagen gekoppelt wird, ist keine Entlastung und gibt auch keinerlei Planungssicherheit."
Die EU-Kommission hatte im Dezember vorgeschlagen, das eigentlich für 2035 geplante Verbrenner-Aus aufzuweichen. Die CO2-Flottenemissionen müssen demnach bis 2035 nur noch um 90 Prozent sinken. Damit können auch nach diesem Datum noch einige Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor neu zugelassen werden. Allerdings müssen die Autobauer diese Emissionen unter anderem durch den Einsatz von grünem Stahl oder die Beimischung von klimaneutralen Kraftstoffen ausgleichen. Zugleich gelten für Flottenbetreiber, etwa Mietwagenfirmen, schärfere CO2-Regeln.
Für die Umfrage befragte der VDA eigenen Angaben zufolge zwischen dem 11. und dem 25. Jänner 127 Unternehmen aus der Branche.
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