Autokäufe in China brechen ein - warum das für Europa ein Problem ist
Chinesische Autobauer drängen auf den Weltmarkt, die Exportzahlen, gerade nach Europa, steigen von Quartal zu Quartal. Aber die Chinesen selbst kaufen immer weniger Autos. Das schafft wiederum große Probleme für europäische Autohersteller.
So große, dass der deutsche Autobauer BMW wegen der Krise am chinesischen Automarkt und der Folgen des Nahostkriegs sogar seinen Jahresausblick deutlich reduziert. Der Konzern rechnet heuer nur noch mit einer operativen Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern von 1 bis 3 Prozent, statt der erwarteten 4 bis 6 Prozent, teilte man überraschend mit. Intensive Sparmaßnahmen sind nun angekündigt. Bisher war das Management unter dem alten Chef Oliver Zipse optimistisch, den Gegenwind aus China und die Zollthematik kompensieren zu können. Der neue Chef Milan Nedeljkovic räumte nun ein, dass die Lage noch weniger rosig ist als ohnehin befürchtet.
BMW bei der Auto China Messe
Aber was ist los, in China?
Hauptgrund für die Absatzrückgänge der Autohersteller ist die Lage in China. Die negative Entwicklung im chinesischen Automarkt habe sich im zweiten Quartal weiter beschleunigt. Auch der Konflikt im Nahen Osten belaste. Die hohen Energiepreise erhöhten die Kosten des Unternehmens, zudem drücke die Unsicherheit auf die Verbraucherstimmung. Laut jüngsten Daten des chinesischen Verbands für Personenkraftwagen (CPCA) wurden in China im Mai nur noch rund 1,5 Millionen Fahrzeuge verkauft - ein Minus von satten 22 Prozent verglichen mit dem Vorjahresmonat, zwischen Januar und Mai sanken die Verkäufe um 20 Prozent gemessen am Wert Vorjahreszeitraums.
Bislang galt China als Markt mit Wachstumsaussichten. Die Annahme fußte auch darauf, dass die Mittelschicht und damit die Zahl kaufkräftiger Kundschaft mit einem potenziellen Autowunsch wächst. Laut staatlichen Medien gelten mehr als 400 Millionen der 1,4 Milliarden Einwohner Chinas als Teil der Mittelschicht. Schätzungen gingen bislang davon aus, dass diese Zahl bis 2030 deutlich steigen wird.
„Die Gründe sind klar“, sagt CPCA-Generalsekretär Cui Dongshu. Aus seiner Sicht belastet vor allem der Rückzug staatlicher Hilfen den Markt. Hinzu kämen die hohen Benzinpreise seit dem Beginn des Iran-Kriegs und die schwache Kaufkraft vieler Verbraucher. Die Entwicklung verlief dabei in zwei Stufen. Seit Jahresbeginn litt besonders die in China als „Neue Energieautos“ (NEV) bezeichnete Gruppe der E-Autos und Plug-in-Hybride unter den zurückgefahrenen Kaufanreizen. Seit Beginn des Kriegs und den gestiegenen Kraftstoffpreisen verschob sich der Druck dann zu klassischen Verbrennern. Allein im Mai brachen ihre Verkäufe um 39 Prozent ein, während NEVs nur noch einstellig im Minus lagen. Parallel stieg ihr Anteil am Pkw-Markt auf mehr als 60 Prozent.
Der Automarkt in China stottert
Keine Konsumstimmung
„Chinesische Kunden sind extrem preissensitiv und reagieren auf solche Änderungen sehr stark“, sagt die deutsche Autoexpertin Beatrix Keim. Der Markt habe seit Oktober von den Änderungen bei E-Auto-Anreizen gewusst. Deshalb seien Käufe vorgezogen worden. Zugleich hätten Hersteller und Händler Fahrzeuge in den Markt gedrückt. Hinzu kommt die schwache Konsumstimmung. Viele Verbraucher halten sich zurück. Die in China andauernde Immobilienkrise belastet Vermögen und Vertrauen. Laut Keim haben viele Kunden mit Kreditrückzahlungen aus Immobiliengeschäften zu kämpfen. Ein Auto ist für viele Haushalte damit eine Anschaffung, die sich leichter verschieben lässt.
Entwicklungen, die auch Volkswagen treffen. Der Konzern blickt für den Rest des Jahres gedämpft auf die Entwicklung des chinesischen Fahrzeugmarktes. „Der chinesische Automobilmarkt steht unter zunehmendem Druck“, teilte der Volkswagen-Konzern in Peking mit. Zudem sei nicht zu erwarten, dass sich der Markt im Jahresverlauf erhole und Verluste wieder aufgeholt werden könnten. Die Wolfsburger rechnen damit, dass der Gesamtmarkt für Neufahrzeuge auf unter 21 Millionen Fahrzeuge zurückgehen wird. „Die Volkswagen Group China kann sich diesem Trend nicht entziehen. Wir passen unsere Pläne entsprechend an“, erklärte Deutschlands größter Autobauer. Neben Volkswagen haben auch Mercedes-Benz und BMW in China lange stark vom Verbrennermarkt profitiert. Bei Elektroautos sind chinesische Hersteller dagegen oft schneller, günstiger und näher an den Erwartungen chinesischer Kunden.
Doch auch Hersteller aus China stehen unter Druck. Der Heimatmarkt schwächelt, der Preiskampf bleibt hart, und viele Unternehmen haben Überkapazitäten aufgebaut. Ein wichtiger Ausweg ist deshalb der Export. Allein im Mai stiegen die Pkw-Ausfuhren laut CPCA um rund 75 Prozent. Besonders in Mittel- und Südamerika, Australien, Südostasien und Afrika sieht Cui große Chancen für chinesische Hersteller. Der Druck verschiebt sich nach außen, indem chinesische Hersteller einen Teil der Schwäche im Heimatmarkt über Auslandsmärkte abfedern.
Beim Ausblick gehen die Expertenmeinungen auseinander. Die einen sehen das schnelle Wachstum der vergangenen Jahre als Folge der Förderung. Dieses Wachstum werde sich nun abschwächen. Andere halten den Einbruch dagegen nicht für einen dauerhaften Trend. Die Autodichte in China sei weiterhin deutlich niedriger als etwa in Deutschland. Der Markt sei also nicht grundsätzlich gesättigt. Das Problem sei derzeit vor allem, dass sich viele Menschen kein Auto leisten könnten.
Die chinesische Wirtschaft hat im Mai nach offiziellen Angaben ein gemischtes Bild abgegeben. Während die Industrieproduktion im Mai an Fahrt gewann, schrumpften die Einzelhandelsumsätze erstmals seit mehr als drei Jahren. Die Industrieproduktion stieg im Mai im Jahresvergleich um 4,5 Prozent, wie das Nationale Statistikamt zuletzt mitteilte. Analysten hatten mit einem Plus von 4,3 Prozent gerechnet, nach 4,1 Prozent im April.
Getrieben wurde die Entwicklung von einem Exportplus von 19,4 Prozent, das unter anderem von weltweiten Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) profitierte. Die Einzelhandelsumsätze als wichtiges Barometer für den Konsum fielen dagegen um 0,6 Prozent. Dies ist der erste Rückgang seit Dezember 2022. Experten hatten im Vorfeld mit einer Stagnation gerechnet.
Die Konsumflaute zeigte sich deutlich im Autosektor. Die Anlageinvestitionen sanken in den ersten fünf Monaten des Jahres um 4,1 Prozent. Die Immobilieninvestitionen setzten ihre Talfahrt fort und brachen im Jahresvergleich um 16,2 Prozent ein. Zudem fielen die Preise für neue Eigenheime im Mai im Monatsvergleich etwas schneller.
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