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Leitartikel
03/21/2021

Was gegen die Wut hilft

In all dem Zorn über die Epidemie vergessen wir gern darauf zu achten, was in den letzten zwölf Monaten gelungen ist.

von Christian Böhmer

Wir sind wütend. Müsste man die Verfasstheit der Österreicher in nur drei Worten zusammenfassen, es wären wohl diese.

Ja, ein erklecklicher Teil der Menschen ist ordentlich grantig. Und daran können, wie Leser-Zuschriften an den KURIER leidvoll belegen, auch mit Hohlheit geschlagene Phrasen wie „Die nächsten Wochen sind entscheidend“ nicht wirklich etwas ändern. Also lassen wir die nervigen „Es müssen sich bitte alle noch ein letztes Mal anstrengen“-Appelle besser bleiben, und fragen wir: Was könnte helfen, die Stimmung zu heben?

Vielleicht lohnt sich der Blick auf all die kleinen und großen Siege, die wir in den vergangenen zwölf Monaten – vielfach unbewusst – feiern durften.

Herausstechend ist wohl diese Lektion: Unsere liberale Demokratie hat eine, wenn nicht gar die härteste Prüfung der Zweiten Republik bestanden. Nicht immer bravourös, aber doch.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber selbst Freunde der gepflegten Weltuntergangsstimmung müssen zugeben: Als Gesellschaft haben wir in den vergangenen zwölf Monaten einiges richtig gemacht. Gab es tagelange Engpässe bei Brot, Wasser oder Lebensmitteln? Fiel stundenweise der Strom aus, mangelte es an Heizmaterial? Nichts von alldem. Es gab keine flächendeckenden Apothekenschließungen, weil Medikamente nicht verfügbar waren. Und Verwaltung und Politik haben – oft überfordert – ihren Job gemacht und der Wirtschaft Milliarden-Hilfen verschafft, die einen endgültigen Infarkt abwenden konnten.

Last but not least hat das Gesundheitssystem bis heute einem beispiellosen Belastungstest standgehalten und vermieden, dass Ärzte tun müssen, was andernorts passiert, nämlich: Im Zuge von „Triagen“ zu entscheiden, bei welchen Patienten sich eine Behandlung noch „lohnt“ und welche Menschen man aufgeben und sterben lassen muss.

Was noch? Die Pandemie hat uns eindrucksvoll gezeigt, dass uns Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf nicht zwingend zu glücklichen Menschen machen.

Wir sind zutiefst soziale Wesen. Und trotz der vielen Erleichterungen und Segnungen, die die Digitalisierung vor und in der Krise gebracht hat – von „Click & Collect“ bis zum täglichen Video-Telefonat – wurde uns qualvoll bewusst, dass physische Nähe unersetzlich ist. Wir sehen das in den Altenheimen, in den Schulen, am Arbeitsplatz.

Wem all das kein Trost ist, dem bleibt noch der Blick auf die Zahlen: Jeden Tag werden bis zu 50.000 Menschen geimpft. Mit Glück sind in fünf, sechs Wochen zwei Drittel der Impfwilligen etwas geschützt, die Lage soll sich entspannen.

Fünf Wochen sind eine lange Zeit. Aber sie sind zumindest eine Perspektive. Vor allem, wenn man wütend ist.

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