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© Kurier

Leitartikel
10/16/2020

Rote Städte, hohe Zahlen: Die nächsten Wochen brauchen gemeinsame Perspektiven

Die Bilder suggerieren Alarm. Demgegenüber erscheinen die gesetzten Maßnahmen klein.

von Georg Leyrer

Diese Pandemie wird in Bildern erzählt. „1.500“ steht erstmals im Neuinfektionenticker, mehr eine optische Grenze als eine inhaltliche. Das Land ist orange und mancherorts rot eingefärbt. In den Nachrichten gibt es wieder Aufnahmen aus den Intensivstationen.

Der Mensch ist ein Augenwesen, und all diese Bilder wirken unmittelbar.

Nur: Bilder erzählen vielleicht mehr als 1.000 Worte, aber 1.000 Worte sind zumeist differenzierter als jedes Bild. Die Infiziertenzahlen sind nicht vergleichbar mit jenen vom März, die Zahlen, die vergleichbar wären (Tode, Spitalsbelegung, Positivrate der Tests), sind weniger eindrücklich. Die Intensivstationen sind noch weitestgehend unbelegt, die Auswirkungen von Orange und Rot auf der Ampel fließend.

Aus dieser Text-Bild-Schere entsteht derzeit eine eigentümliche Spannung: Obwohl das Land bildermäßig längst wieder auf Alarmstufe gestellt ist, wirkt die Politik seltsam schaumgebremst.

Mahnende Worte an die Regionen füllen die Lücke, die im März vom Kanzler mit dem Verordnungshammerschlag zugenagelt wurde.

Der Gesundheitsminister versteckt seine Gegenbilder in der Schublade: Dort habe er Szenarien für die kommenden Wochen liegen; aber welche, darf man nicht sehen. Man dementiert fleißig die nichtssagende Worthülse „Lockdown“, während die europäischen Partner all das tun, was man Lockdown nennen könnte, oder halt nicht.

Die Opposition schweigt oder schimpft.

Die Corona-Bekämpfung ist in Frankreich, Portugal und anderswo ein nationaler Notfall; hier ist es eine Regionenfrage. Im Kleinen werden Maßnahmen verlangt und nun auch gesetzt. Corona aber, unsympathisches kleines Ding, zeigt keinerlei Verständnis für die reichhaltige und gut durchgewalkte Geschichte des österreichischen Föderalismus. Wer wen was heißen kann, welche Körperschaft die Virusklatsche rausholen müsste und wer auf wen beleidigt ist, ist dem Erreger wurscht.

Zwischen diesen großen Bildern und den kleinen Maßnahmen ist viel Raum, um sich zu verirren. Geraten wir gerade bei der Virusbekämpfung ins Hintertreffen? Kommt übermorgen eh wieder der große Hammer, nur sagt es keiner?

Diesen Raum kleiner zu machen, ist eine ebenso wichtige Aufgabe wie die Virusbekämpfung – und eine offenere. Wie auf das Infektionsgeschehen virologisch zu reagieren ist, ist längst klar, da braucht es keine Geheimnisse in Schubladen.

Aber wie die nächsten Monate als Gesellschaft und Gemeinschaft durchschritten werden können, ist gestaltbar.

Eine Option: eindrückliche gemeinsame Bilder setzen, die den Weg realistisch vorzeichnen. Schulen, Arbeitgebern, den Menschen die Gelegenheit geben, sich rechtzeitig auf Maßnahmen einzustellen. Auch solche Bilder wirken auf die Menschen – und zwar positiv.

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