Meinung
19.11.2018

Reden wir doch über Religion

Leider huldigt der Papst zu oft hohlem Pathos und Populismus. Dabei gäbe es brennende Themen.

Fällt Ihnen beim Thema „Religion“ automatisch „ Islam“ statt „Advent“ ein – trotz der totalen „Verpunschhüttelung“ und Weihnachtsverkitschung der Städte? Der Islam steht bei solchen Debatten meist im Vordergrund, weil er missionarischer und aggressiver als alle anderen ist.

Im krassen Gegensatz dazu scheinen – zumindest in Europa – Christentum und Judentum zunehmend in Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Auch wenn der lateinamerikanische Papst Sympathiepunkte erringen kann/konnte – sehr oft allerdings auch mit wortstarkem Populismus. Gestern geißelte er anlässlich des „Welttages der Armen“ bei einer Messe im Petersdom die „reichen Prasser“. Ja, natürlich. Schließlich gehört „Habsucht“ zu den sieben Todsünden, „Trägheit“ und „Neid“ aber auch. Meint er damit auch Leute wie Bill Gates und Warren Buffett, die schon 2010 eine weltweite Wohltätergruppe von Milliardären gegründet haben, die ihr erarbeitetes Vermögen konsequent für soziale Anliegen spenden? Sind die aus christlicher Sicht jetzt böse oder doch irgendwie gut?

Was Papst Franziskus auch ein Anliegen sein müsste, sind der Priestermangel und leere Kirchen in weiten Teilen Europas. Der Linzer Bischof Scheuer hat laut Kronen-Zeitung einen Brief an den Papst angekündigt, damit er die Weihe verheirateter Männer sowie Frauen als Diakone erlaubt. Wir warten gespannt auf Antwort aus dem Vatikan.

Der Cultural clash lässt sich nicht leugnen

Auch zur internationalen Christen- und Judenverfolgung wären starke Worte (und Taten) nötig. Diese Woche findet eine große Antisemitismuskonferenz in Wien statt. Das ist wichtig. Dennoch müssten wir uns eingestehen, dass das größere Thema in Europa die Abneigung gegen Muslime ist. Die vom türkischen Regime offen und von Ländern wie Saudiarabien versteckt betriebene Missionierung des Westens löst Sorgen aus, die nicht ganz unberechtigt sind. Wird das in wechselseitige Aggression umschlagen? Muss man auch Muslime irgendwann einmal vor Verfolgung schützen?

Die katholische Kirche antwortet mit Umarmung anderer Religionen und hofft stillschweigend auf die Rückkehr ihrer Gläubigen, um ein Gegengewicht zu bilden. Es lässt sich nämlich nicht leugnen: Eine säkulare Gesellschaft mit oft sinnentleertem Wohlstand trifft auf tiefreligiöse Einwanderergruppen mit hoher Geburtenrate und niedriger Frauenerwerbstätigkeit. Wer wird wen assimilieren? Oder werden sich die Bevölkerungsgruppen konsequent voneinander abgrenzen? Wie kann man die (leider international immer schwächer werdenden) liberalen Muslime zu Verbündeten machen, damit es ein friedliches Miteinander gibt?

Gerade in der Vorweihnachtszeit, die doch – wenigstens am Rande noch – von religiösen Bräuchen und Symbolen geprägt wird, wollen viele mehr und Substantielles von den christlichen Kirchen hören.