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Kommentar
09/22/2019

"Liste Bierlein" würde die Wahl gewinnen

Was man sich von der Expertenregierung abschauen könnte (was aber leider nicht der Fall sein wird).

von Gert Korentschnig

Wissen Sie schon, wen Sie in einer Woche, vor oder nach dem Schnitzerl, wählen? Zählen Sie zu jenen, die sich aus voller Überzeugung für eine Person, egal ob perfekt gestylt oder perfekt unfrisiert, entscheiden? Geben Sie Ihre Stimme einer Partei, weil Sie sich mit Programmen auseinandersetzen? Oder wählen Sie jemanden, um jemand anderen zu verhindern?

Der Wahlmotive gibt es viele, diesmal besonders viele, aber die zentrale Frage, um die sich alles dreht, lautet ohnehin: Spielt Ibiza, der Anlass für die Wahl, überhaupt noch eine Rolle? Eher nicht, wenn man Umfragen glaubt. Die so beliebte "Jetzt erst recht"-Haltung ist einzementiert. Möglicherweise wird das Ergebnis also wieder eine Bestandsaufnahme der österreichischen Seele.

Jedenfalls wird der kommende Sonntag ein Feiertag: Endlich ist der Wahlkampf vorüber, halleluja! Endlich keine Fernsehduelle mehr, bei denen entweder die altbekannten Argumente ausgetauscht werden oder größte Erregung herrscht, sobald eine oder einer aus der Rolle fällt. Endlich (oder hoffentlich) weniger populistische Zuspitzung und mehr intelligente Sachpolitik. Und endlich (na ja, nach ein paar Monaten dann, wenn die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sein werden) eine Regierung, die sachorientiert arbeitet.

Altösterreichisch

Was uns nahtlos zum Kabinett Bierlein führt, dem wir vermutlich noch nachtrauern werden. In der Kunstszene wird ein Intendant, ein Sänger, Schauspieler oder Autor zumeist erst nach dem Rückzug (oder Ableben) ausreichend gewürdigt – die Qualitäten der Expertenregierung erkennt man jedoch schon zeitlebens. Zurückhaltend, nicht erkennbar egozentrisch, routiniert, mit klarem Fokus auf die Amtsgeschäfte haben die Damen und Herren agiert und sogar politische Akzente gesetzt (vor allem im Innen- und im Verteidigungsministerium), obwohl der Auftrag nur die Stabilisierung und Fortführung der Geschäfte war.

Eine Beamtenregierung, geradezu altösterreichisch, fast in K.-u.-k.-Tradition, vom Kaiser in der Hofburg eingesetzt (ohne auch nur die geringste Präferenz für diese Staatsform zu haben). Vorwärts in die Vergangenheit – und viele hatten Sympathie dafür. Weil es unaufgeregt wirkt, nicht gehetzt, nicht streitsüchtig, retro, unpassend für unsere Social-Media-Welt.

Eine schwer zu widerlegende These: Würde die Kanzlerin mit ihrem Team als "Liste Bierlein" antreten, sie käme wohl auf Platz 1. Das ist es, was die Wählerinnen und Wähler wollen: eine Regierung auf breiter Basis, im Gleichschritt mit dem Präsidenten und ausschließlich mit Österreich im Fokus. Das Problem daran ist nur: Sobald die heutigen Minister echte Politiker wären, fiele das Traumgebilde in sich zusammen.

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