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Adelsprädikat "umstritten"

Ein „Preis für Wissenschaftsfreiheit“ wirft ein bezeichnendes Licht auf die Schieflage vieler unserer öffentlichen Debatten.
Rudolf Mitlöhner
++ THEMENBILD ++ ÖSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN (ÖAW)

Dass in einem Land, in dem die Freiheit der Wissenschaft verfassungsrechtlich verankert sei, ein „Preis für Wissenschaftsfreiheit“ verliehen werde, entbehre nicht einer gewissen Pikanterie, vermerkte der Philosoph Konrad Paul Liessmann mit feiner Ironie. So geschehen am Mittwochabend in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: Das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ – ein Zusammenschluss von mehr als 700 Wissenschaftlern, hauptsächlich aus dem deutschen Sprachraum – hatte zur Verleihung des genannten Preises an den Soziologen Alexander Bogner geladen (Liessmann hielt die Laudatio) – unter anderem für das „entschiedene Engagement“ Bogners gegen den „an Universitäten weit verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus“.

Eine zusätzliche Pikanterie ergab sich durch die zeitliche Koinzidenz mit der jüngsten Debatte rund um die abgelehnte Ehrung des Mathematikers Rudolf Taschner durch den Senat der Uni Wien: wegen „Äußerungen in Zusammenhang mit Evidenz, Autonomie und Freiheit der Wissenschaft (insbesondere zum Klimawandel, zu Vergaberichtlinien des FWF (Österreichischer Wissenschaftsfonds; Anm.), zu Gender und Postcolonial Studies)“, wie es offiziell hieß.

Suchte man nach einem Schlagwort, unter dem man die beiden Anlässe und deren Protagonisten diskutieren könnte, so wäre dies „umstritten“. Als umstritten gilt Taschner (der auch ÖVP-Mandatar ist), als umstritten gilt ebenso das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ – und „umstritten“ heißt in diesen und vielen anderen Fällen „rechts“; und da in den Debatten unserer Tage immer weniger differenziert wird, bedeutet „rechts“ zumindest tendenziell auch „rechtsextrem“, jedenfalls etwas, an das man anständigerweise nicht anstreifen sollte. Man könnte auch noch allgemeiner sagen (und das schließt das andere Ende des Spektrums mit ein): „Umstritten“ sind immer die anderen, und indem man diese solcherart qualifiziert, bescheinigt man sich selbst unter der Hand natürlich Unumstrittenheit.

Dabei fällt vielen gar nicht mehr auf, dass es geradezu ein Wesensmerkmal einer liberalen Gesellschaft – und erst recht einer solchen akademischen Welt – ist, dass prinzipiell alles und jeder „umstritten“ ist: weil es nicht „die“ Wissenschaft und in den einzelnen Disziplinen auch nicht absolute oder endgültige Erkenntnisse gibt, sondern ein Ringen um Wahrheit, welches sich in Theorien niederschlägt, die prinzipiell (schlag nach bei Popper) auch falsifiziert, jedenfalls aber nie letztgültig verifiziert werden können. Unumstrittenheit gibt es innerweltlich nur als erzwungene in totalitären Systemen. Wer „umstritten“ zur Kampfvokabel gegen ideologische Gegner macht, beschädigt demnach, was er zu verteidigen vorgibt: die offene Gesellschaft und die Freiheit der Forschung.

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