Wehr(-ersatz)dienst für alle - auch für Frauen

The 6th Company conducts basic special training in infantry combat at the Doeberitzer Heide training area
Ein verpflichtender Gemeinschaftsdienst kann den Zusammenhalt in der Gesellschaft und zwischen den Geschlechtern stärken.
Martina Salomon

Martina Salomon

Verpflichtender Wehr- bzw. Sozialdienst für Frauen? Was in nordeuropäischen Ländern und noch mehr in Israel Realität ist, wagt in Österreich niemand zu fordern. Die Zeit sei nicht reif dafür, heißt es (feig-)abwehrend. Weil davor müsse es echte Gleichstellung geben. Provokante Frage: Könnte das am Weg dorthin nicht sogar recht hilfreich sein? Und verfestigen sich nicht Rollenklischees, wenn man darauf beharrt, dass Frauen nicht einrücken sollen, weil sie ja den Haushalt schupfen?

Wenn sich beide Geschlechter Seite an Seite in den Dienst der Allgemeinheit stellen müssen, hätte das einen durchaus emanzipatorischen Effekt: Wir sind gleich stark, gleich systemerhaltend, und daher, lieber Mann, können wir ruhig auch daheim die Arbeit teilen. Und so wie Männer durch den Zivildienst einen Zugang zu Sozialberufen gefunden haben, könnten Frauen mit ihren Fähigkeiten im Heer ihre starke Seite entdecken.

Frauen verlieren aber schon durch Baby-Karenzen Pensionszeiten, so das Gegenargument. Doch seit der Pensionsreform der Regierung Schüssel werden bis zu vier Kindererziehungsjahre angerechnet – weltweit einmalig. In den USA gibt es bei der Geburt eines Kindes maximal zwölf Wochen unbezahlte (!) Auszeit. Und seien wir ehrlich: Momentan ist es doch so, dass sich viele Mädchen aus gut situierten Familien ein „Orientierungsjahr“ nach der Matura gönnen. In deutlich weniger begüterten, konservativ-migrantischen Milieus wiederum, aus denen eine steigende Zahl an Jugendlichen in Österreich kommt, könnte man die Mädchen aus der vorgegebenen „Heim an den Herd-Karriere“ herausholen: Im gemeinsamen Dienst an der Gesellschaft würden sie erfahren, gleich viel „wert“ wie die Burschen zu sein.

Muslimische Frauen könnten vielleicht auch bemerken, dass das, was in ihren Familien oder auf Tiktok gepredigt wird – dass sie religiöser und „reiner“ sein müssen als die „dekadente“ Mehrheitsgesellschaft – eine Fessel ist, die man ablegen darf. Die Rekrutenzeit ist egalitär – und kann theoretisch mehr zur Integration beitragen alles vieles andere. Dank dieser Verpflichtung hätte man noch einmal die Chance, eine ganze Generation mit einer Art von Staatsbürger- und Wertekunde zu erreichen, was in den Schulen offensichtlich nicht ausreichend vermittelt werden kann.

Doch diese positiven Effekte treten nur ein, wenn der Zivildienst nicht nur für Billigsdorfer-Mitarbeiter und der Wehrdienst nicht für stupides Abdienen missbraucht wird. Wahrscheinlich benötigen sowohl Wehr- als auch Ersatzdienst mehr Sinn und Würde – was bei der von der Wehrdienstkommission vorgeschlagenen Verlängerung unbedingt mitbetrachtet werden muss. Nur dann ist es vernünftig, dass alle „allzeit bereit“ sind.

Porträt von Martina Salomon vor dem Schriftzug „Kurier Kommentar“.

KURIER-Herausgeberin Martina Salomon

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