Ein Kind als Weckruf: was wir vom Neujahrsbaby lernen können
Sie ist 3.380 Gramm schwer, 51 Zentimeter groß – und kam Schlag Mitternacht in Bad Ischl zur Welt: Malia Ella ist Österreichs Neujahrsbaby 2026. Ein prestigeträchtiger Titel (die Geburtszeit wurde dreifach gemessen und bestätigt!) und eine lieb gewonnene Tradition, die Hoffnung und Neuanfang symbolisiert.
Wie wäre es, wenn wir das Ritual zugleich als Anlass für einen Blick in die Zukunft nutzen: Welche Welt finden die heute Geborenen vor? Was werden sie auf dem Weg ins nächste Jahrhundert – zwischen technischem Fortschritt, sozialen Umbrüchen und geopolitischen Verwerfungen – erleben? Die Antwort können wir nicht geben. Wohl aber können wir die Frage als Weckruf und Auftrag verstehen: Vieles würde besser laufen, ließen wir allen Kindern und Jugendlichen die gleiche freudige Aufmerksamkeit zukommen wie den Neujahrsbabys – nicht nur am 1. Jänner, sondern 365 Tage im Jahr.
Wie wäre es mit einer Politik, die für jene, die sich Kinder wünschen, beste Voraussetzungen zu schaffen versucht – und das, ohne sie ihrer Eigenverantwortung zu entheben und in ihrer Selbstbestimmung einzuschränken? Wie wäre es, wenn wir Familie in all ihren Formen – überall dort, wo Menschen in Zuneigung Verantwortung füreinander übernehmen – als das (an-)erkennen, was sie ist? Die kleinste, aber wichtigste Einheit, aus der sich eine Gesellschaft erst bildet. Derzeit steuern die Geburtenraten in Österreich alljährlich auf neue Tiefststände zu. Bei 1,3 Kindern pro Frau halten wir. Das tut uns nicht gut; nicht nur mit Blick auf die Pensionen und auf den brüchigen Generationenvertrag. Nur eine junge Gesellschaft ist eine zukunftsfähige Gesellschaft.
Die Frage nach dem Kinderwunsch ist längst – auch – eine finanzielle geworden. Wir müssen uns überlegen, wie (vor allem) Müttern der Anschluss an Beruf und Karriere besser gelingen kann. Und wieso viele Väter ihre Verantwortung noch nicht so wahrnehmen, wie es wünschenswert wäre. Kindergärten und Schulen müssen Wissen und Fertigkeiten vermitteln – und zugleich stärker die Teilhabe der Eltern am Bildungserfolg einmahnen, um wiederum dort einzuspringen, wo Letzteres nicht möglich ist. Wir müssen uns in wirtschaftlich harten Zeiten auf eine Klimapolitik besinnen, die das Wohl der Jungen im Auge hat. Und wir müssen die Funktionsweisen unserer Demokratie überprüfen: Dass 40 Prozent der Neugeborenen in Wien nicht über die österreichische Staatsbürgerschaft verfügen und so künftig von politischer Teilhabe ausgeschlossen sind, ist bedenklich für das politische System. Es trägt auch nicht zur Integration bei. Dass wir jedes Kind in diesem Land mit ungeteiltem Wohlwollen auf seinem Lebensweg fördern, wäre ein schöner Neujahrsvorsatz.
Eine lange Liste, die es für Malia Ella und alle Neugeborenen abzuarbeiten gilt. Gut, dass das Jahr noch so jung ist.
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