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Wiener Festwochen unter Milo Rau: Es ist heute keine Kunst mehr, zu provozieren

Die Wiener Festwochen laden den umstrittenen Milliardär Peter Thiel ein. Eine fade Provokation, die dem Geist des Festivals widerspricht.
Georg Leyrer
Milo Rau.

Es spricht, natürlich, viel für das in der Kunst, was man gemeinhin verkürzend „Provokation“ nennt: Die Liste an Kunstschaffenden und Werken, die anfangs auf vehementen Widerstand stießen und heute als Klassiker eingemeindet sind, ist viel zu lang, als dass sie hier Platz fände. Ablehnung, und sei sie auch noch so laut, ist kein gültiges Werturteil, das weiß man seit Beethoven, Schiele und den, sorry, faden Rolling Stones.

Es spricht auch vieles dafür, die Grenzen dessen, was als Kunst akzeptiert wird, permanent zu hinterfragen – und zu erweitern. Die öffentliche Debatte über gute Kunst ist leider immer noch nicht weit über „Kunst kommt von Können“ hinausgelangt. Ein Jammer! Vor allem, weil man mit diesem Spruch im Kopf ganz viel tolle Kunst versäumt.

Und mit Können wird hier noch dazu meist nur eine geschickte Handfertigkeit gemeint, die längst besser von den digitalen Maschinen um uns geliefert wird, als es Menschen jemals können. Allein deshalb kann dieser Spruch keine brauchbare Grenze um das ziehen, was Kunst ist.

Es geht darin vielmehr um den Menschen, und der besteht aus mehr als Wohlklang und gemütlicher Kulturwonne. Österreich hatte und hat viele Kulturschaffende, die das dankenswerterweise erkannt haben, man möchte fast sagen: besonders viele. Aber die Reaktion ist immer die gleiche, von Thomas Bernhard bis Florentina Holzinger: Man ruft Skandal, anstatt hinzuschauen und -hören.

Es spricht aber heute auch viel dagegen, sich auf Provokation künstlerisch auszuruhen. Nicht nur ist sie ein ästhetisches Konzept mit, siehe links, zu langer Vorgeschichte (und damit immer irgendwie auch peinlich). Sie stellt sich auch besonders quer zum Heute: Sich provoziert zu fühlen, ist derzeit die allerbilligst zu habende Emotion überhaupt. Jeder, von links bis rechts, ist im Zustand des andauernden Empörtseins: Die Menschen sind, dank Social Media, süchtig nach Zorn geworden. Als Gesellschaft eilen wir von einem destruktiven Diskurs zum nächsten.

Es ist also, schlicht, derzeit keine Kunst, zu provozieren.

Umso hohler erscheint es dann, als Kulturschaffender ungerührt in diesem Spiel weiterzumachen; überhaupt, wenn dies das ästhetische Konzept in der Hauptsache ausmacht. Festwochen-Chef Milo Rau hüpft von einem gesellschaftlichen Problemfeld zum nächsten, auf der Suche nach Diskurszehen, auf die er steigen kann. 

Nun bringt er einen Milliardär nach Wien, dessen Weltsicht über fast alle ideologische Grenzen hinweg als hochproblematisch angesehen wird. Dass sich alle nun drüber aufregen, mag er als Bestätigung lesen. Es ist aber eine Niederlage für die Wiener Festwochen: Die Einladung widerspricht schlicht dem Geist des Festivals, das Schönheit, Weltoffenheit und mutige Kunst nach Wien bringen sollte – und nicht destruktive Diskurse.

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