Die neue Sport-Realität: Wenn Moral zur Nebensache wird
Aryna Sabalanka wird wieder unter belarussischer Flagge spielen dürfen.
Mit der Aufhebung der Sanktionen gegen belarussische Sportler vollzieht das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehr als nur eine Kurskorrektur. Es markiert einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Weltsport und Weltpolitik. Belarussische Athletinnen und Athleten dürfen wieder unter eigener Flagge und mit eigener Hymne an allen internationalen Events teilnehmen, auch an Teambewerben.
Damit wird etwa die beste Tennisspielerin der Welt, Aryna Sabalenka, wieder unter belarussischer Flagge antreten. Das IOC begründete den Schritt mit den „zunehmend komplexen Realitäten“: Sportler sollten nicht durch das Handeln ihrer Regierungen eingeschränkt werden – auch nicht im Fall eines Krieges oder Konflikts.
Belarus statt Ukraine bei einer WM?
Die Entscheidung könnte zu einer bemerkenswerten Konstellation führen. Bei der Eishockey-WM 2027 könnte ausgerechnet Belarus den Platz von Aufsteiger Ukraine einnehmen. Ausgerechnet in Deutschland, wo 1,4 Millionen ukrainische Geflüchtete leben. Wie würden sie reagieren?
Und wie wird die Welt reagieren, wenn im nächsten Schritt Russland die Zulassung zu Wettkämpfen erteilt wird? Noch bleibt Russland suspendiert, das Anti-Doping-System entspricht noch nicht internationalen Standards. Doch die Entscheidung des IOC deutet klar darauf hin, dass im Weltsport neue Regeln gelten. Die Rückkehr Russlands scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein – unabhängig davon, ob in der Ukraine weiter Krieg geführt wird oder nicht.
Sport als Propagandainstrument
Wladimir Putin dürfte diese Entwicklung freuen. Der russische Präsident inszenierte sich stets gerne mit Athleten und auf den Tribünen großer Sportereignisse. Der Sport ist eines der wichtigsten Propagandainstrumente in totalitären Systemen. Das weiß nicht nur Putin. Das weiß man spätestens seit den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. Vier Jahrzehnte später waren die (von systematischem Doping angetriebenen) Fabel-Weltrekorde der Ostblock-Sportler vermeintlicher Beweis für die Überlegenheit des Systems gegenüber dem Westen. 2014 räumten die russischen Sportler und Sportlerinnen bei den Putin-Winterspielen in Sotschi die Medaillen ab. Erst Jahre später wurde das dahinter stehende staatliche Doping-System aufgedeckt.
FIFA-Präsident Infantino überreichte Trump im Dezember den Friedenspreis
Auch Donald Trump wird während der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer im Rampenlicht strahlen. Dass ausgerechnet der US-Präsident im Dezember von FIFA-Alleinherrscher Gianni Infantino mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, zeigt, wie weit sich der Sport von moralischen Kategorien entfernt hat. Zwei Monate später ließ Trump den Iran bombardieren.
Willkommen in der neuen Sport-Realität.
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