Krallt Trump sich Grönland, würde es Europa zerreißen
Noch vor ein paar Jahren hätte die Welt über Stephen Millers Auftritt wohl gelacht. Donald Trumps Einflüsterer erklärte kürzlich im CNN-Interview, dass die USA Grönland ja eindeutig „haben“ dürften. Sein Argument: Es sei nicht klar, auf welcher Grundlage Dänemark eigentlich Gebietsansprüche auf die Insel habe. Und überhaupt würde wegen Grönland niemand einen Krieg mit den USA beginnen. „Das ergäbe keinen Sinn.“
Die USA haben sich schon früher als selbst ernannter Weltpolizist die Regeln zurechtgebogen. Neu ist der demonstrative Verzicht auf Rechtfertigung. Wo einst Vorwände erfunden wurden (angebliche Massenvernichtungswaffen), sind juristische Argumente heute entbehrlich. Das Völkerrecht, mühsam errichtet, um die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht zu wiederholen, wird nicht umgangen, sondern missachtet. Schon Wladimir Putin hat die Stärke des Rechts durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Trump macht daraus jetzt eine globale Mode.
In dieser Logik ist es nur folgerichtig, dass Washington auch auf Grönland schielt. Dass internationale Verträge die Souveränität der Insel absichern, dass die USA selbst Dänemark 1951 Beistand zusicherten, spielt in der Welt der Trumpisten keine Rolle. Es genügt, dass die Insel in Donald Trumps „westlicher Hemisphäre“ liegt und strategisch von Interesse ist. Dass die USA dort Militär stationiert haben, macht es nur einfacher.
Europa sollte diese Obsession sehr ernst nehmen. Nicht nur, weil dem Wunsch nach Grönland weitere Forderungen folgen könnten, sondern weil eine Annexion den Kontinent vor die härteste Zerreißprobe seit dem Zweiten Weltkrieg stellen würde. Grönland ist Teil Dänemarks und damit NATO-Gebiet. Ein Angriff würde den Bündnisfall auslösen. Doch wer würde kämpfen, wenn ausgerechnet das mächtigste NATO-Mitglied selbst der Aggressor ist – und über die größten Streitkräfte der Welt verfügt?
Das Angstszenario
In Kopenhagen fürchtet man dieses Szenario schon lange. Die militärische EU-Beistandspflicht gilt vielen ohnehin als Papiertiger, und auch in der NATO ist nicht ausgemacht, dass die Europäer bereit wären, gegen die USA vorzugehen. Europas Streitkräfte sind der amerikanischen Übermacht deutlich unterlegen, kaum ein Land würde eine sichere Niederlage riskieren. Wahrscheinlicher wäre damit eine politische Implosion der NATO – und auch in der EU.
Vielleicht liegt genau darin Trumps Kalkül. Er hat noch nie verborgen, dass er die NATO gern zu Grabe tragen würde. Auch eine geschwächte oder zerfallende EU wäre ihm lieb. Europa nutzt es wenig, wieder mal mit dem Zeigefinger auf das Völkerrecht zu verweisen: Im Osten tritt es Putin schon lange mit Füßen, im Westen wird es gerade mit Spott demontiert. Und Europa? Wird dazwischen zerrieben.
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