Der digitale Turmbau zu Babel
Wohin gehen wir? Auf welches Ziel wollen wir uns ausrichten? Welche Richtung sollen wir als Menschheit und als Völker einschlagen?“ Diese Fragen hält Papst Leo XIV. angesichts der „rasanten Übergangsphase“, die wir gerade durchleben, zu Recht für dringlich. „In einer Art Wartestellung verharren, aus der Ferne beobachten und einfach hoffen, dass alles gut gehen wird“, sei zu wenig, schreibt er in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“).
Jede Zeit hat ihre Herausforderungen und Umbrüche und der Mensch ist vermutlich stets geneigt, die jeweils selbst erlebte „rasante Übergangsphase“ für eine noch nie dagewesene zu halten. Erst im Rückblick lassen sich Entwicklungen einordnen. Dass aber die Digitalisierung und insbesondere deren jüngste, mit dem Phänomen der Künstlichen Intelligenz (KI) verbundenen Auswüchse geeignet sind, so gut wie alles Überkommene hinwegzufegen, steht außer Zweifel.
Der Kirche indes ist es ihrem Selbstverständnis nach darum zu tun, über alle Brüche und Disruptionen hinweg die Kontinuität aufzuzeigen, an das Bleibende zu erinnern. Genau deswegen trägt die Enzyklika den Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“.
Dabei nimmt für den Text besonders ein, dass er frei von jeglichem, der katholischen Kirche bisweilen unterstellten Kulturpessimismus ist: An mehreren Stellen äußert sich der Pontifex ausdrücklich positiv zu technischem Fortschritt, der „im Laufe der Jahrhunderte zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit beigetragen“ habe. Und man muss weder Papst noch überhaupt katholisch sein, um gleichzeitig mit Leo die Ambivalenz allen Fortschritts zu sehen; schaffen doch gelöste Probleme meist neue Herausforderungen, haben doch Innovationen oft gleichermaßen Potenzial zum Segen wie zum Fluch. Turmbau zu Babel oder Bauen an einer Zivilisation in gemeinsamer Verantwortung: an diesem Scheideweg sieht der Pontifex „die von Gott geschaffene großartige Menschheit“, wie er eingangs festhält.
Was auch bei diesem Text – wie bei vielen kirchlichen Dokumenten – ein wenig irritiert, ist das da und dort spürbare Misstrauen gegenüber privatem, unternehmerischem im Vergleich zu staatlichem Handeln. Als wäre Letzteres per se frei von Interessen und einzig dem Gemeinwohl verpflichtet, als wäre Ersteres prinzipiell verdächtig und daher dringend regulierungsbedürftig. Und vor allem: als wären nicht Forschungsdrang, Leistungsstreben, Wettbewerb und Konkurrenz die entscheidenden Treiber des Fortschritts gewesen und nicht staatlich orchestrierte Maßnahmen.
Alles in allem aber ist es ein erfrischend positives Wort der katholischen Kirche auf der Höhe der Zeit geworden.
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