Karfreitagszauber
„Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön!“, singt Richard Wagners Parsifal im dritten Aufzug der gleichnamigen Oper. „Das ist Karfreitagszauber, Herr!“, antwortet ihm der greise Gralsritter Gurnemanz. Die Pointe der Szene: Entgegen Parsifals Annahme, an diesem „höchsten Schmerzentag“ müssten alle und alles „nur trauern, ach, und weinen“, besteht der „Zauber“ dieses Tages darin, dass in ihm schon die Überwindung von Leid und Schmerz liegt: „Nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur.“
Man kann und soll gewiss Wagner und das Christentum nicht kurzschließen – „Parsifal“ bedient sich christlicher Elemente, ist jedoch, auch wenn als „Bühnenweihfestspiel“ gedacht, keine „christliche“ Oper. Der Gedanke des „Karfreitagszaubers“ aber rührt dennoch an den entscheidenden Punkt: dass im Tod Jesu bereits die Erlösung liegt. Andernfalls wäre das Kreuz bloß ein Folter- und Hinrichtungswerkzeug, kein „Siegeszeichen“, hätte nie das Symbol schlechthin für den Kern des christlichen (Oster-) Glaubens werden können.
In den evangelischen Kirchen wird dieser Gedanke noch stärker präsent gehalten – nicht von ungefähr gilt dort der „allerheiligste Karfreitag“ (einmal noch Wagner) als höchster Feiertag. Aber auch in der katholischen Tradition verweist der Karfreitag schon auf Ostern – „Es ist vollbracht!“, sagt Jesus laut Johannesevangelium am Kreuz (Joh 19,30); gleichwohl ist Ostern auch nicht ohne den Karfreitag zu haben. Darum die Rede von der Grabesruhe, der Leere am Karsamstag (der daher auch keine Liturgie kennt): Leiden und Tod Jesu waren keine „Show“, sondern echt und dramatisch, wie menschliches Leiden seit jeher und bis heute war und ist. (Jedes einzelne Leben und jede Zeit hat sein, ihr „Kreuz“ – oft ganz ohne österliche Perspektive … In dieser Hinsicht ist es wahrlich ein universales Symbol.)
Ohne den Karfreitag bliebe jedenfalls der Ostersonntag schal: ein esoterisches Spektakel, ein Wohlfühltag, ein „Osterspaziergang“ – „Jeder sonnt sich heute so gern“, wie Goethes Faust ausruft. Diese Sicht entspricht wohl dem landläufigen Verständnis von Ostern, das nicht zwischen Kar- und Osterwoche unterscheidet, sondern einfach ein Lebensgefühl des Neuanfangs und des Wiedererwachens meint.
Die Kirchen, Christen sollten solches indes nicht zu gering veranschlagen: Wo anders als an diese Erfahrungen, Hoffnungen, Sehnsüchte des Alltags sollte denn das Evangelium, die Osterbotschaft anknüpfen? Ein Gespür dafür, für den „Zauber“ dieser Tage, ist wohl auch bei jenen ansatzweise vorhanden, die den Glauben daran nicht teilen wollen oder können.
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